Der Papst kommt – Mission: Reconquer the World!

Demnächst wird Papst Benedikt XVI. – sein weltlicher Name, d. i., wenn er sich nicht im höchsten Deliriumsstadium des obersten Kirchenamtes befindet, lautet schlicht Joseph Alois Ratzinger – Deutschland »besuchen«. Das klingt ein wenig nach Allgegenwärtigkeit, der man sich nicht entziehen kann. Das klingt, als ob er allenthalben vorbeischauen wollte, sei es gebeten, sei es ungebeten. (Von meiner Seite bist Du jedenfalls herzlich ausgeladen, Joseph!) Allein, der Mann (eine Frau hält man dafür von seiten der Kirchenzentrale in guter Tradition für ungeeignet) kommt nicht nur zu einem netten Gespräch bei Kaffee und Kuchen. Er hat eine Mission. Oder sollte ich sagen: Er ist auf Mission? Letztres dürfte es wohl eher treffen, denn bereits in Spanien ließ er auf dem Weltjugendtag verlauten, daß einzig die katholische Kirche und ihre Auffassung des Christentums selig mache. Mit andren Worten, Mission: Reconquer the World!1 Interessanterweise – oder wieder einmal: dialektischerweise – ruft Joseph zugleich zu »mehr religiöser ›Radikalität‹« auf der einen Seite auf, warnt aber auf der andren Seite vor einem drohenden »politischen Totalitarismus«.2 Kurz, laßt uns Feuer mit Feuer bekämpfen, Radikalität mit Radikalität! Von dem »Weg zur Wahrheit«, der auf »Liebe und Glauben« beruhe, konnten sich tags zuvor bereits etliche Demonstranten, die wider die staatliche Finanzierung des Ereignisses protestierten, überzeugen. Besser gesagt: sie wurden von der spanischen Polizei überzeugt, die an der Puerta del Sol (Madrid) auf sie einprügelte.3
Doch kommen wir zurück zum Papst, dessen Worte keinen Zweifel lassen: von allgemeinen Menschenrechten, einschließlich der Gleichberechtigung und insbesondre -wertigkeit beider biologischer Geschlechter, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, freier Ausübung der Sexualität und sexuellen Orientierung, möchte man nichts wissen. Und wenn die Menschen in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern, namentlich auf dem Kontinent Afrika, die Wahl haben, an AIDS, Syphilis, Hunger oder womöglich durch einen künftigen NATO-Angriff zu sterben, dann sind das bloß lapidare Kollateralschäden im Plane des allwissenden Gottes. Die Patentlösung für die Probleme Geschlechtskrankheiten und Überbevölkerung predigt Joseph den Menschen ja schon seit Jahren: Habt keinen Geschlechtsverkehr, dann bekommt ihr keine Geschlechtskrankheiten und keine Kinder. Es soll also niemand sagen, Joseph hätte uns nicht gewarnt!
Und erkennen wir ihn da nicht wieder, den seit Jahrtausenden beklagten Sittenverfall? Aristoteles, so schreibt man es ihm wenigstens zu4, verzweifelte: »Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.«
Sokrates soll bereits vor ihm beobachtet haben:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Und die Verfasser einer Keilschrift aus Ur wußten bereits vor 2000 Jahren: »Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.«
Ja, früher war alles besser! Es fragt sich indes, wie weit die Sitten nun noch verfallen müssen, bis sie denn endlich vollkommen verfallen sind. Die kulturwissenschaftliche Forschung, die im Grunde genommen nur bestätigt, was schon die alten Griechen feststellten, schleudert Joseph vermittels der Unfehlbarkeit der kirchlichen Lehre, der einzigen und objektiven Wahrheit, in den Abgrund. Der »Relativismus« unsrer Zeit sei an allem schuld.5 Daß alle Sitten und Bräuche historisch kontingente Entwicklungen darstellen und mithin nicht einfach und allumfassend in gut und schlecht oder richtig und falsch eingeteilt werden können, kann nicht sein – weil es nicht sein darf. Daß andre Religionen, insonderheit institutionalisierte, dasselbe von sich behaupten – allein im Besitz (!) der einzigen und objektiven Wahrheit zu sein –, gehört bekanntlich bloß zur göttlichen Prüfung unsres Glaubens. Die Werte und Ansichten des christlich geprägten Abendlandes sind der Maßstab aller Dinge. Darum exportieren wir sie ja auch in alle Welt – und ist sie nicht willig, so brauchen wir Gewalt. Manchmal muß man die Menschen eben zu ihrem Glück zwingen, insonders wenn es ihr Unglück bedeutet. Allein, wer im Recht ist, darf sich jedes Mittels bedienen. Deshalb räumt man der katholischen Kirche auch weltweit ein, ihre Privilegien, zum Beispiel über einen eignen Staat im Staate zu verfügen, die sie mit Hilfe von Verbrechern wie dem faschistischen Diktator Benito Mussolini erlangt hat, zu behalten.6 Von der Bereicherung durch Diebstahl an Boden und Vermögen wollen wir einmal völlig absehen. Mich nimmt bloß wunder, daß die Mafia noch keinen Gleichstellungsantrag eingereicht hat. Entweder liegt das am Verwaltungsaufwand, oder aber es handelt sich lediglich um eine Schwesterorganisation, so daß sie einer Gleichstellung gar nicht bedarf. Wie üblich: man weiß es nicht, man ahnt es nur … bis auf Joseph natürlich – er muß es ja wissen!
Ironisch wäre jedenfalls, wenn Joseph mit seinem zeitgemäßen Weltbild, mit dem er im übrigen nicht nur Atheisten, Agnostikern und Konfessionslosen, sondern ingleichen vielen Christen vor den Kopf stoßen dürfte, auf seiner Weltreise versehentlich über den Rand der Erde fiele und im Hades landete, um »inter umbras mortuorum«7 zu wandeln … Amen!

Anmerkungen
1. Siehe dazu junge Welt (jW), Nr. 189, vom 20. August 2011, S. 2. Hier online nachzulesen.
2. Vgl. ebendaselbst.
3. Vgl. ebendaselbst.
4. Ob die Personen, denen man die drei Zitate zuordnet, tatsächlich deren Urheber sind, ist für den Zweck, den sie hier erfüllen, unerheblich. Sie dienen lediglich dazu, den Geschichtspessimismus in bezug auf die menschliche Gesellschaft aufzuzeigen, der sich von alters her von Generation zu Generation fortsetzt.
5. Siehe dazu Posener, Alan: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft; Berlin: Ullstein, 2009; S. 22.
6. Siehe dazu den Artikel »Pius XI.«.
7. »inter umbras mortuorum«: »unter (zwischen) den Schatten der Toten«

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