Wenn das Militär dreimal klingelt

Worum es in diesem Film geht, ist nicht, wie man anfänglich vermuten könnte, Menschen in Not zu helfen. Der Film suggeriert dies zwar zunächst und führt den Zuschauer damit absichtlich irre. Worum es ihm eigentlich geht, ist aber etwas ganz andres. Eben darin besteht die Widerwärtigkeit.
Zunächst führt der Film verschiedne Formen von Hilfsorganisationen für in Not geratene Menschen vor. Dies macht den Zuschauer, indem es positive gedankliche Verbindungen ins Bewußtsein ruft, dafür empfänglich, weitre Dinge mit diesen Bewußtseinsinhalten zu verbinden. Man stößt diese Tür zur menschlichen Psyche noch ein wenig weiter auf, indem man von einem »comprehensive approach«, zu deutsch: von einer »umfassenden Herangehensweise«, spricht. Nachdem der Zuschauer die verschiednen Formen von Hilfsorganisationen und deren Gemeinsamkeiten kennengelernt hat, betont »comprehensive approach« wesentlich letztre. ›Gemeinsam‹ ist offenbar ein gedanklich positiv besetztes Wort. Und wenn sich dann noch Leute von der Universität positiv dazu äußern, muß einfach etwas Gutes daran sein. Das sind immerhin Intellektuelle.
Nebenbei führt man nunmehr das Militär ein und bewirkt damit beim Zuschauer wie gewünscht, daß dieser den Militärbegriff gedanklich positiv besetzt. Dem Militär hafte zu Unrecht der Ruf an, grundsätzlich kämpfen zu wollen, klagt der Sprecher die Öffentlichkeit an. Dies ist freilich eine euphemistische Formulierung der Aussage: »Das Militär will nicht grundsätzlich kämpfen.«
Leider ist dies für die eigentliche Kritik am Militär völlig irrelevant. Es geht nicht um den Willen des Militärs zum Kampf. Es geht darum, daß das Militär wesentlich zu dem Zweck besteht zu kämpfen. Dies ist nicht nur der ursprüngliche Grund dafür, daß es militärische Strukturen jeglicher Art gibt. Die Kriege um Rohstoffe und Macht, die in den vergangnen zwanzig Jahren geführt wurden, haben uns gezeigt, daß auch heute noch der wesentliche Zweck des Militärs im Kampfeinsatz besteht. Dieser lindert jedoch das Leid der Menschen in Not nicht, sondern vergrößert es. Das jüngste Beispiel dafür ist der Krieg gegen Libyen. Es gibt offenbar gewaltige zivile Verluste, welche die NATO als Verursacher zynischerweise auch noch leugnet. So behauptete Anders Fogh Rasmussen, seines Zeichens NATO-Generalsekretär, es lägen »keine (!) bestätigten Informationen über zivile Opfer« vor.1
Diese Tatsachen verschweigt man im Film selbstredend lieber. Statt dessen beruft man sich auf eine implizite, logisch falsche Deduktion als Argument (D):

  1. Menschen in Not bedürfen bestimmter Fähigkeiten und Kenntnisse auf Gebieten wie Medizin zur gesundheitlichen Versorgung und Ingenieurswesen für infrastrukturelle Aufgaben auf seiten der Helfer.
  2. Das Militär verfügt über derartige Fähigkeiten und Kenntnisse.
  3. Wir wollen Menschen in Not helfen.
  4. Wir brauchen das Militär.

(D) läßt indes eine für einen korrekten Schluß wichtige Prämisse außer acht. Die für die Schlußfolgerung (4) relevante Prämisse »Auch zivile Kräfte verfügen über derartige Fähigkeiten und Kenntnisse« wird unterschlagen. Fügt man aber diese Prämisse dem Argument (D) hinzu, löst sich sein scheinbar deduktiver Charakter auf. Denn aus

  1. Menschen in Not bedürfen bestimmter Fähigkeiten und Kenntnisse auf Gebieten wie Medizin zur gesundheitlichen Versorgung und Ingenieurswesen für infrastrukturelle Aufgaben auf seiten der Helfer.
  2. Das Militär verfügt über derartige Fähigkeiten und Kenntnisse.
  3. Auch zivile Kräfte verfügen über derartige Fähigkeiten und Kenntnisse.
  4. Wir wollen Menschen in Not helfen.

folgt nicht (4). Tatsächlich ist das Militär nicht nur überflüssig wie eine Flasche Schnaps in einer Moschee im Ramadan, sondern es verursacht darüber hinaus auch gewaltige Kosten im In- und Ausland für Ausbildung, Material und Logistik sowie Behandlung von Kriegsversehrten und Bestattung von Toten. Diese Kosten, die wie üblich der Steuerzahler ungefragt zu tragen hat, ließen sich nicht nur einsparen, sondern mit den dadurch freiwerdenden Mitteln und Kapazitäten ließe sich ingleichen auf zivilem Wege wesentlich effektiver helfen.
Allein darum geht es in diesem Film ja nicht. Es geht darum, dem Militär den Platz in der Mitte unsrer Gesellschaft zu verschaffen, den Christian Wulff für dasselbe gefordert hat – zweifelsohne eine passende Ergänzung zu dem in der gesellschaftlichen Mitte verankerten Rassismus. Nun noch eine Prise Antijudaismus und einen Hauch Überwachungsstaat mit medialer Zensur und Gleichschaltung sowie antikommunistischer Repression hinzufügen, und fertig ist das Faschismusgericht. Zuletzt noch ein wenig den demokratischen Schein aufpolieren – dann klappt’s auch mit dem Nachbarn!

Anmerkungen
1. Zitiert nach junge Welt (jW), Nr. 211, vom 10./11. September 2011, S. 1.

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