Das Geschäft mit der deutschen Sprache

Die deutsche Sprache hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern man sagt ihr auch verschiedne Dinge nach. Sie sei »die Sprache der Dichter und Denker«, in Analogie zu dem Ausspruch, Deutschland sei »das Land der Dichter und Denker«. Was daran so besonders sein soll, hat mir freilich noch nie eingeleuchtet, zumal jedes Land Dichter und Denker hervorgebracht hat und sonach jede Sprache eine Sprache der Dichter und Denker ist. Ein andres geflügeltes Wort sagt, »deutsche Sprache, schwere Sprache«. Zum Frühstück sollte man sich die deutsche Sprache fürwahr nicht unbedingt einverleiben. Allein wer ißt zu früher Stunde schon Schwerverdauliches? Werfen wir einen Blick auf die Auswahl an Werken zur deutschen Sprache, stellen wir zunächst eines fest: zuwenig gibt es davon offenbar nicht. Vielleicht ist aber grade dies damit gemeint: bei der Fülle an Grammatik-, Rechtschreib-, Redensarten-, Wörter-, Zeichensetzungs- und Zitatbüchern habe ich so manches Mal ernsthaft überlegt, meinen Vertrag im Bodybuilding- und Kraftsportstudio (nicht: Fitneßstudio) zu kündigen, um statt dessen mit einem Bündel dieser Bücher weiterzutrainieren. Gewichtsmäßig ließen sich Hanteln jedenfalls gegen einige Schwaten austauschen, womit wir beim eigentlichen Thema sind.
Zu wesentlich mehr ist die überwältigende, ich möchte ausrufen: erschlagende!, Mehrheit besagter Bücher nämlich nicht zu gebrauchen. Aber beginnen wir mit der Problematik da, wo man mit einer Problematik anfangen sollte: am Anfang. Die Idee, ein Buch anzufertigen, in welchem man eine Vielzahl einzelner Wörter zusammenträgt, die in einem bestimmten Bereich vorkommen, ist schon recht alt. Alle natürlichen Sprachen weisen gewisse Regelmäßigkeiten auf. Dies bietet dem Menschen, der wünscht, alles soweit als möglich zu vereinfachen, zu kategorisieren und zu systematisieren, einen entsprechenden Anknüpfungspunkt.
Für die deutsche Sprache, um die es hier geht, haben sich insonderheit die Gebrüder Grimm, mit Vornamen Jacob und Wilhelm, hervorgetan. Ihr Deutsches Wörterbuch1 von 1856 stellt zweifelsohne einen der gelungsten Versuche dar, den damaligen Wortschatz der deutschen Sprache in einem, obzwar mehrbändigem, Werk zu versammeln. Dabei geben die Gebrüder Grimm nicht nur die Wörter selbst, sondern zugleich Varianten, Herkunft und Bedeutungen an. Um welch große Leistung es sich handelt, wird deutlich vor dem Hintergrund, daß ihnen weder Schreibmaschine noch Computer, geschweige denn das Internet zur Verfügung standen. Der Grundsatz lautete im übrigen, die Sprache darzustellen, wie sie gebraucht wird.
Nun besteht ein gewisser Sinn darin, Schreibungen zu vereinheitlichen. Es lassen sich damit nicht nur Mißverständnisse auf seiten des Lesers vermeiden, sondern dieser kann den jeweiligen Text auch schneller lesen und sich besser auf den Inhalt konzentrieren, als wenn dasselbe Wort ständig verschieden geschrieben auftaucht. Darum haben sich über die Jahrhunderte hinweg bestimmte Schreibungen gegen andre durchgesetzt. Indem viele Leute dieselben Wörter gleich schreiben, wird es einfacher, sich schriftlich miteinander zu verständigen.
Auch dem Staat im Sinne seiner Institutionen kommt es zugute, wenn man Schreibungen in einem bestimmten Rahmen vereinheitlicht. Die zweite Orthographische Konferenz im Jahre 1901 hat dies durchaus gewährleistet. Der Staat hat für seine Institutionen, nämlich Ämter und öffentliche Schulen, die Schreibung deutscher Wörter und Sätze vereinheitlicht. Schon damals war indes klar, daß, erstens, der Staat niemandem vorschreiben kann, wie er privat zu schreiben habe und, zweitens, eine natürliche, lebendige Sprache sich nicht sinnvoll vollständig vereinheitlichen läßt. Konrad Duden hat zwar mit solchen Gedanken gespielt2, allein dies hat sich glücklicherweise niemals durchgesetzt: glücklicherweise, weil, wie Theodor Ickler trefflich festgehalten hat, die Schrift nicht zum Schreiben da ist, sondern zum Lesen.3
Im deutschen Beamtenstaat hat man dies allerdings wohl seit jeher anders gesehen. Zunächst erklärte man 1955, zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, das Wörterverzeichnis des Dudens für verbindlich, wo die Regeln von 1902 keine Schreibung vorgeben.4 Um 1970 bekamen Reformbestrebungen dann neuen Aufwind.5 Von 1980 bis 1994 gab es neun Tagungen in Wien, und 1994 stellte man schließlich die Ergebnisse eines Internationalen Arbeitskreises der Öffentlichkeit vor.6 Nach Wolfgang Mentrup hat es von 1902 bis 1993 etwa einhundert (!) Vorschläge zur Reform der Rechtschreibung gegeben.7 1994 hörte der Streit um die richtige Reform freilich nicht auf. 1991 erschien der erste Einheitsduden, d. i., es gab fortan nur mehr eine Ausgabe statt zweien, nämlich eine aus Mannheim und eine aus Leipzig. Auf dem Einband dieser 20. Auflage prangte ein elliptisches, rotes Hinweisschild mit weißer Schrift, das sich so las: »Mit Informationen zur Neuregelung der Rechtschreibung«. Ich weiß es so genau, weil es der erste DUDEN war, den ich mir als siebeneinhalbjähriger, sprachverliebter Junge von meinem hart ersparten Taschengeld gekauft habe. Das Buch liegt mir bis heute unversehrt vor und erfüllt, seitdem ich endgültig beschlossen habe, zur traditionellen Schreibung zurückzukehren, bis heute seinen Dienst. Doch kehren wir zurück zur Reform. In der Tat spielte sich die angestrebte Reform in mehreren Scharmützeln und großen Schlachten zwischen den Reformern untereinander sowie zwischen diesen und den Traditionalisten ab. 1998 trat die erste Reformwelle in Kraft, die aber bei weitem noch keine Endfassung darstellte. Immerhin erforderte aber diese erste Welle eine neue Dudenauflage. Da neue Regeln für Ämter und öffentliche Schulen verbindlich sind und Zeitungen sowie Verlagen im allgemeinen zur Orientierung dienen, mußte man die Neuauflage in weiten Kreisen anschaffen. Ich bekam sie von meinen Eltern zum Geburtstag geschenkt. Dabei handelte es sich also schon einmal um äußerst günstige Voraussetzungen für einen großen Absatz. Bis 2004 nahm man weitre, weitreichende Ändrungen vor, die sich unter andrem darin niederschlugen, daß man nicht nur wider die Tradition, sondern auch und insonderheit wider Sinn und Verstand vieles getrennt schreiben sollte. Man war folglich nun bei der neuen neuen Rechtschreibung. Die mittlerweile 23. Auflage des DUDEN aus dem Jahre 2003, die ich ebenfalls besitze, hatte wiederum eine verbindliche Anschaffung zur Folge. Denn in Schule und Ämtern traten die Regeln ab 2004 in Kraft und wer möchte bei Neuentwicklungen schon zurückbleiben? In diesem Sinne mußten selbstredend auch die Schulbuchverlage sämtliche Bücher für alle Schulformen neu auflegen. Wiederum großartige Voraussetzungen für einen ordentlichen Profit. Wer damals glaubte, das Verwirrspiel um die Rechtschreibung würde nun endlich enden, hatte sich schwer getäuscht. Nachdem nun also Millionen Bücher neu aufgelegt, gedruckt, verkauft worden und in die Regale gewandert waren, stellte man plötzlich fest, daß man doch noch einiges zu überarbeiten habe. Also wieder zurück an den grünen Tisch.
Irgendwie schien auf einmal die gesamte Getrenntschreibungsregelung, die man noch kurz zuvor beschlossen hatte, unbrauchbar. Dementsprechend ruderte man wieder zurück ans andre Ufer, so daß also künftig Komposita (zusammengesetzte Wörter) wie »in-/an-/auf-/auseinander + Verb« wieder zusammengeschrieben werden sollten. Für alle Schulbuchverlage und DUDEN hieß das, noch einmal alle frisch gedruckten Bücher neu auflegen und drucken, damit alle Menschen, die darauf angewiesen sind, sie wiederum kaufen und die obsolet gewordnen Bücher in neuer alter neuer Rechtschreibung durch diejenigen in neuer neuer neuer Rechtschreibung ersetzen konnten, damit am 1. August 2006 die neue neue Neuregelung in Kraft treten konnte. Doch damit nicht genug.
Zwischenzeitlich hatte man das DUDEN-Privileg abgeschafft, so daß nunmehr jeder, der lustig war, ein ähnliches Werk herausgeben durfte. Die WAHRIG-Redaktion verfügte dank langjähriger Wörterbuchherausgabe immerhin über erfahrne Lexikographen. Von andren, nunmehr neuauftretenden Redaktionen kann man dies nicht unbedingt sagen. Allein das Ende der Fahnenstange war damit immer noch nicht erreicht.
Anstatt die Rechtschreibung weiter zu vereinheitlichen, was ursprünglich das Ziel aller Reformbestrebungen war, hatte man das Tor zur Beliebigkeit aufgestoßen. Seit dem 1. August 2006 darf man sämtliche adverbiale Fügungen, die man eigentlich als ein zusammengehöriges Adverb verwendet, auch als Wortgruppe schreiben. Dabei entstehen dann Stilblüten wie »im Stande sein«, »zu Stande kommen«, »zu Gute kommen« und »zu Gunsten sein«. Die Hauptwörter in diesen Fügungen sind allerdings verblaßt, weshalb man traditionell schrieb (oder wie in meinem Falle: schreibt): »imstande sein«, »zustande kommen«, »zugute kommen«, »zugunsten sein«. Diese Schreibungen sind nach neuer neuer neuer Rechtschreibung auch möglich, aber eben nur »auch«. Bei der Schreibung als Wortgruppe ergiebt sich sofort der Unsinn dieser Varianten, wenn man fragt: in welchem Stande? zu welchem Stande? welches Gut? und welche Gunst? »Imstande sein« bedeutet nämlich keineswegs einfach »können, vermögen«, wie es DUDEN und WAHRIG allzu nachlässig behaupten, sondern »über die Mittel zu etwas verfügen«. Wenn jemandem etwas zugute kommt, bekommt er nicht zwingend, in den meisten Fällen wohl überhaupt nicht, ein Gut im Sinne eines physischen Besitztums. Und wenn etwas zugunsten jemandes geschieht, steht er nicht zwingend in jemand andres Gunst.
Wer sämtliche Argumente im Detail nachlesen möchte, sei von hier an auf Theodor Icklers Schrift Die sogenannte Rechtschreibreform – ein Schilbürgerstreich3 verwiesen. Die Lektüre lohnt sich allemal.
Nun gibt es aber neben der Fülle an Rechtschreibwerken eine ebensolche Fülle an andren sprachlichen »Hilfsmitteln«. Ich setze den Begriff bewußt in Klammern. Denn als ich gestern in die Buchhandlung ging, um mir selbst ein Bild von Sinn und Unsinn dieser Hilfsmittel zu machen, stellte ich ernüchternd fest, daß ungefähr 99% davon unnütz oder einfach überflüssig sind. Wer beispielsweise ein Wörterbuch aus dem Hause WAHRIG besitzt, benötigt in der Regel kein Fremdwörterbuch. Um solch exotische Wörter nachzuschlagen, wie sie in einem Fremdwörterbuch aufgelistet werden, geht man im Bedarfsfall in die Bibliothek oder sucht – heute noch einfacher – im Internet danach. Tatsächlich machen ungefähr einhundert Wörter 80% aller Texte aus. Wie wahrscheinlich ist es da, daß einem in der Gegenwartssprache ein Wort begegnet, das nicht in einem allgemeinen Wöterbuch mit über 260 000 Einträgen vorkommt? Für Fachsprachen gibt es entsprechende Fachlexika, die man in den Bibliotheken von Universitäten findet und die für die Privatanschaffung ohnedies zu teuer sind. Ansonsten ist es heute nahezu jedem möglich, das Internet zu nutzen – sei es durch einen eignen, sei es durch einen Anschluß eines Verwandten, eines Freundes oder eines Bekannten oder gar eines Internetcafés.
Für die Wortherkunft (Etymologie) eines Wortes gibt es seit 1883 Kluge. Etymologisches Wörterbuch. Für detailliertere Angaben nutzt man wiederum Werke wie das Deutsche[s] Wörterbuch der Gebrüder Grimm (sehr detailliert und gründlich), nutzt Fachpublikationen oder aber – wer hätte es gedacht – das Internet.
Synonymwörterbücher braucht man allenfalls für Fremdsprachen, die man intensiv nutzt. So erklärt mir beispielsweise Oxford Thesaurus of English, wie sich verschiedne Wörter mit ähnlicher Bedeutung unterscheiden und in welchen Kontexten man sie nutzt. Für die deutsche Sprache ist mir kein brauchbares Synonymwörterbuch bekannt. DUDEN und WAHRIG zeigen jedenfalls, wie man es nicht macht. Die andren Synonymwörterbücher, die ich mir angeschaut habe, waren alle von derselben Qualität. Die Hinweise »umgangssprachlich«, »salopp«, »gehoben« und so fort sind entweder überflüssig, weil jedem Muttersprachler klar ist, daß die Wörter so gebraucht werden, oder sie helfen gar nicht, weil sie immer noch außerhalb jedes Zusammenhanges stehen. Diese Synonymwörterbücher stellen allen Ernstes zig Wörter nebeinander, ohne zum Teil überhaupt Unterschiede kenntlich zu machen.
Wozu all diese Publikationen dienen – DUDEN allein gibt mittlerweile zwölf große Bände heraus8, 1941 waren es vier9 –, ist freilich jedem, der auch nur einen Augenblick lang darüber nachdenkt, klar. Sie sollen in Wirklichkeit weder dem Leser noch dem Schreiber helfen, sondern vielmehr immer weitre Möglichkeiten für die Verlage erschließen, Profite zu machen.
Ich empfehle darum folgendes. Eine einfache Rechtschreibhilfe und ein allgemeines Wörterbuch reichen für den privaten Gebrauch allemal aus. Bücher haben freilich gegenüber Computern einen Vorteil: Sie stürzen weder ab noch interessiert es sie, daß der Strom ausfällt. Von einer einfachen Rechtschreibhilfe und einem allgemeinen Wörterbuch abgesehen, ist jedoch beinahe alles andre, was die Verlage anbieten, zum Fenster hinausgeworfnes Geld. Bei besondrem Interesse lohnt es sich gegebenfalls noch, eine Grammatik, wie beispielsweise DUDEN Band 4, anzuschaffen. Diese Grammatiken sind allerdings recht komplex und, entgegen der Behauptung auf dem Umschlag, keineswegs unentbehrlich für richtiges Deutsch. Für den Hausgebrauch ist eine solche ausführliche und für Nicht-Akademiker kaum überschaubare Grammatik unnötig. Richtiges und Gutes Deutsch, DUDEN Band 9, gibt noch einige hilfreiche Erklärungen zu bestimmten sprachlichen Phänomenen. Das ist aber auch schon alles.
Wer sich selbst und andren einen Gefallen tun möchte, sollte im übrigen zur traditionellen Schreibung zurückkehren.

Anmerkungen
1. Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch.
2. Vgl. »Konrad Friedrich Alexander Duden. Kurzbiografie«.
3. Vgl. Ickler, Theodor: Die sogenannte Rechtschreibreform – ein Schildbürgerstreich, S. 12 f. Siehe auch S. 93.
4. Vgl. ebendaselbst, S. 13.
5. Vgl. ebendaselbst, S. 5.
6. Vgl. ebendaselbst, S. 3.
7. Vgl. ebendaselbst, S. 6.
8.
1. Rechtschreibung
2. Stilwörterbuch
3. Bildwörterbuch
4. Grammatik
5. Fremdwörterbuch
6. Aussprachewörterbuch
7. Herkunftswörterbuch
8. Synonymwörterbuch
9. Richtiges und gutes Deutsch
10. Bedeutungswörterbuch
11. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten
12. Zitate und Aussprüche

Hinzu kommen die kleinen Brüder der Reihe Der kleine DUDEN sowie neuerdings wiederum Zusammenfassungen im Taschenbuchformat.
9.
1. Rechtschreibung
2. Stilwörterbuch
3. Grammatik
4. Bildwörterbuch

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