Über die Motivation, unter Pseudonym zu schreiben

Nicht nur ich, sondern auch viele andre Menschen schreiben beziehungsweise veröffentlichten ihre Schriften unter einem Pseudonym. Dies trifft um so mehr zu, als es sich um Schriften handelt, die man im Internet veröffentlicht. Warum tun wir dies? Worin besteht unsre Motivation, nicht unsren wirklichen Namen unter unsre Schriften zu setzen?
Das Wort »Pseudonym« setzt sich aus zwei altgriechischen Wörtern zusammen: zum einen dem Zeitwort »pseudein«, zu deutsch: »lügen, täuschen«, zum andren dem Hauptwort »onymos«, zu deutsch: »Name«. Unter »Pseudonym« verstehen wir heute im Deutschen freilich einfach einen angenommenen Namen, der mit lügen und täuschen im Sinne von irreführen nicht mehr unbedingt gleichzusetzen ist.
Dementsprechend besteht die Motivation, unter einem Pseudonym zu schreiben beziehungsweise zu veröffentlichen, seltner darin, jemanden irreführen zu wollen, als darin, sich selbst und andre, die irgend mit einem verbunden sein mögen, zu schützen. In der Tat tun die meisten Menschen, die unter einem Pseudonym schreiben, nichts Verwerfliches und erst recht nichts Illegales. Es gibt indes viele Gründe, warum man auch das, was weder verwerflich noch illegal ist, nicht unter seinem wirklichen Namen veröffentlichen möchte. Es kann nämlich dessenungeachtet gesellschaftlich unangenehme oder unannehmbare Folgen haben. Was zum Beispiel im allgemeinen nicht verwerflich ist, kann gleichwohl innerhalb gewisser gesellschaftlicher Kreise als verwerflich oder gar verächtlich gelten. Man kann aus beruflichen Gründen gezwungen sein, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, wiewohl man die Überzeugungen und Werte derselben nicht oder nur bedingt teilt. Man kann, weil man andernfalls die ansonsten guten Beziehung zur eignen Familie riskierte, etwas nicht unter seinem wirklichen Namen veröffentlichen wollen. Man kann, weil es leider Menschen gibt, die sensible Daten andrer dazu benutzen, sich selbst zu bereichern, etwas nicht unter seinem wirklichen Namen veröffentlichen wollen. Und man kann etwas nicht unter seinem wirklichen Namen veröffentlichen wollen, weil man staatliche Repressionen zu fürchten hat, wie wir es derzeit wieder zunehmend erleben. Denn trotz grundgesetzlich garantierter Meinungs- und Pressefreiheit1 sowie der Versammlungsfreiheit2 und dem Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit 3 schränkt der deutsche Staat im Sinne seiner Institutionen diese Rechte beliebig ein. Sei es hinsichtlich der Proteste wider das Prestigeobjekt »Stuttgart 21«, sei es hinsichtlich des antifaschistischen Widerstandes im Rahmen faschistischer Demonstrationen in Düsseldorf, Dortmund und andernorts – der Staat nutzt unverhohlen sein Gewaltmonopol dazu, die eigne Bevölkerung einzuschüchtern und deren friedlichen, gewaltfreien Protest niederzuschlagen. Gesellschaftskritik, insonderheit des Wirtschaftssystems, ist unerwünscht. Wer sie dennoch äußert, wird kurzerhand kriminalisiert, während wirkliche Volksverhetzer wie der Papst und die Nationalistische Partei Deutschlands (NPD), ingleichen die Partei DIE FREIHEIT und das Internetforum »Politically Incorrect« nahezu ungestört und uneingeschränkt ihre menschenverachtende Propaganda verbreiten dürfen. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) konnte man 1956 problemlos mit Hilfe des Verfassungsgerichtes und des sogenannten Verfassungsschutzes verbieten – wiewohl die Bundesrepublik Deutschland immer noch nicht über eine ordentliche Verfassung verfügt, was, welch Ironie!, dem Art. 146 des GG widerstreitet. Die NPD, die offenbar alles andre als grundgesetzkonform ist, kann man leider nicht verbieten, weil die Gesinnungsfaschisten des Verfassungsschutzes ihre V-Leute nicht aus den Reihen derselben abzuziehen bereit sind. Warum sollten sie auch, nachdem sie mitgeholfen haben, deren Strukturen auf- und auszubauen?
Solange es also Menschen gibt, die die persönlichen Daten andrer jagen, um sie zu mißbrauchen; solange der Staat sein Gewaltmonopol wider die eigne Bevölkerung mißbraucht; solange ernsthafte Gesellschaftskritik kriminalisiert wird; solange man Schikanen im Berufs- und Privatleben zu fürchten hat; so lange bleibt es gerechtfertigt, unter einem Pseudonym zu schreiben und zu veröffentlichen.

Anmerkungen
1. Vgl. Grundgesetz (GG) Artikel (Art.) 5, Absatz (Abs.) 1.
2. Vgl. GG, Art. 8, Abs. 1.
3. Vgl. GG, Art. 2, Abs. 1.

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