Falsches Verständnis der organisierten Religion am Beispiele des Christentums und der katholischen Kirche

Wenn dieser Tage anläßlich des anstehenden Papstbesuches wieder einmal viele Christen nach mehr Beteiligung der Gläubigen, nach Gleichberechtigung der Geschlechter und andren Modernisierungen innerhalb der Kirche rufen, zeigt dies insonderheit eines: daß die meisten Gläubigen ihre Religion im wesentlichen nicht verstanden haben. Bei der organisierten Religion geht es nicht darum, alle Mitglieder der Glaubensgemeinschaft gleichermaßen zu beteiligen. Ebensowenig geht es um den Glauben an »den lieben Gott«. Es geht vielmehr darum, gesellschaftliche wie gemeinschaftliche Hierarchien zu etablieren, d. i. zu schaffen, insbesondre aber zu perpetuieren, d. i. fortwährend zu erhalten. Das Christentum, namentlich aber die katholische Kirche fußt auf der Ungleichheit der Menschen: zwischen Mann und Frau, zwischen Herrschendem und Beherrschtem, zwischen Besitzendem und Darbendem. Nach christlichem Weltbild gibt es, die Vielzahl an Widersprüchlichkeiten, die es bereits auf diesem Gebiete gibt, einmal ausgeblendet, diverse sogenannte »Glaubenswahrheiten«. Zu diesen zählen unter andrem:

  1. Es gibt einen allmächtigen, allwissenden, allgegenwärtigen (allgütigen)1 Gott.
  2. Der Mann wurde als Gottes Ebenbild geschaffen.
  3. Die Frau wurde aus dem Mann geschaffen.2
  4. Die Frau ist die Ursache der Erbsünde.

Der jüdisch-christlich-islamische Schöpfungsmythos beschreibt sehr anschaulich die grundlegende Hierarchie der Gesellschaft. Es gibt zunächst einen Übervater (pater familias, im Mythos dargestellt durch Gott), dann den einfachen Menschen, der wesentlich männlich ist (im Mythos dargestellt durch Adam), und schließlich die diesem unterstellte Frau (im Mythos dargestellt durch Eva). In der Gemeinschaft der drei hat Gott als Schöpfer und damit Übervater den höchsten Wert und steht folglich an erster Stelle. Adam, als sein Ebenbild, aber abhängig, steht, immer noch wertvoll, aber dem Übervater seine Existenz verdankend, an zweiter Stelle. Eva schließlich, als Abbild eines Abbildes, verdankt ihre Existenz nicht nur dem Übervater, Gott, sondern ingleichen Adam, womit sie in beider Schuld zugleich und mithin an letzter Stelle steht.
Die Figur Jesus, gleichviel, ob sie als solche je existiert hat, ist wesentlich Jude und damit dem Schöpfungsmythos verbunden. In der Tat sind Äußerungen wie »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« und »Liebe deine Feinde wie dich selbst« erst vor diesem Hintergrund korrekt zu deuten. Sie beziehen sich nämlich ausschließlich auf die jüdische Gemeinschaft, die, als verfolgte Minderheit, dieses Zusammenhaltes mehr denn jedes andre Volk bedurfte. Der Nächste ist der andre Jude, der Fein ist der persönliche Feind. Darum konnte man auch über zwei Jahrtausende hinweg bedenkenlos Krieg führen. Dies widerspricht weder dem Judentum noch dem Christentum. In der Tat sind Gewalt und Strafe intrinsische Eigenschaften derselben. Der zürnende Gottvater wacht und straft, sei es im Diesseits, sei es im Jenseits.
Sonach ist es nur konsequent, wenn der Papst und andre wirkmächtige Kirchenobre an den althergebrachten Traditionen festhalten. In ihrer Radikalität zeigt sich, daß sie ihre Religion so auffassen, wie sie gemeint ist, daß sie ihr wahres Wesen begriffen haben. Frauen zur Priesterweihe zuzulassen, die Gläubigen an der Gestaltung der Kirche und ihrer Grundsätze zu beteiligen hieße wesentlich, diese Religion aufzugeben und durch etwas ihr Fremdes zu ersezten, wie sehr sie immer der ursprünglich organisierten Religion ähneln mag.
Demnach bleiben für die Zukunft zwei Möglichkeiten. Entweder die Gläubigen erkennen die Religion als das, was sie ihrem Wesen nach ist, oder aber sie reformieren sie und lösen sie damit in etwas ihr Fremdes auf.

Anmerkungen
1. Allgüte, als Fremdwort »Omnibenevolenz«, ist kein notwendiges Merkmal der Vollkommenheit. In der Tat handelt es sich um ein Postulat, welches angesichts der Bibel, und zwar sowohl des Neuen Testamentes als des Alten Testamentes gleichermaßen, nicht bestehen kann.
2. Aus welchem Teile genau ist hier irrelevant.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s