Neoliberale Mythen in der Bundesrepublik Deutschland

»Der Papst ist nicht nur das Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern auch einer der größten Denker unserer Zeit.«1 Dies ließ Annette Schavan, ihres Zeichens Bildungsministerin, in Der Westen, dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, verlauten. Der Schavansinn hat also entgegen den Forderungen des Bildungsstreiks von Schülern und Studenten kein Ende genommen. Daß Frau Schavan ausgerechnet einen Mann, der sich durch Engstirnigkeit und Borniertheit auszeichnet, der den Glauben an Dogmen über den Gebrauch der Vernunft stellt, der die Diskriminierung von Homosexuellen vorantreibt, der das Elend der Menschen in Afrika vergrößert, indem er den Menschen untersagt, Kondome zu gebrauchen, kurz, den größten zeitgenössischen Reaktionär »einen der größten Denker unserer Zeit« nennt, läßt uns erahnen, warum das Bildungswesen in unsrem Lande zugrunde geht. Es handelt sich hierbei nämlich nicht mehr um einen einfachen Realitätsverlust. Wir haben es bei Individuen wie Frau Schavan vielmehr mit Menschen zu tun, die eine Realitätsimmunität entwickelt haben. Mit andren Worten, gleichviel, wie die Wirklichkeit sich gestalten mag, diese Menschen sind insofern wider sie resistent, als sie die Welt ausschließlich den eignen Wünschen gemäß wahrnehmen.
Wie im Falle der verwandten dissozialen (auch: antisozialen) Persönlichkeitsstörung2 gibt es für dieses Leiden bisher leider keine Therapie. Das Ganze wäre freilich weniger problematisch, wenn diese Menschen mit ihren Wahnvorstellungen nicht zugleich dabei hülfen, in der Öffentlichkeit Mythen zu verbreiten und zu perpetuieren.
Zu dem Mythos, Religion sei etwas Notwendiges und grundsätzlich Gutes, gesellen sich in der Bundesrepublik Deutschland insonderheit die folgenden zwei Mythen: zum einen derjenige, der eine Verbindung zwischen Fleiß und Reichtum behauptet, zum andren derjenige, der alle Arbeitslosen pauschal als faule Nutznießer diffamiert.
Zunächst einmal wird man selbstredend nicht durch Arbeit, Fleiß und Leistung reich. Andernfalls müßte mein Vater, der von früher Jugend an sein ganzes Leben lang schwer und immer fleißig gearbeitet hat, einer der reichsten Menschen der Welt sein. Es ist jedoch niemals der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich auf seinen Lorbeeren hätte ausruhen können, weil er keine Lust mehr gehabt hätte zu arbeiten. Uns ging es niemals schlecht, aber wohlhabend sind wir durch seine Arbeit und seinen Fleiß ebensowenig geworden. Reich wird man durch Landraub, Vermögensraub und namentlich, indem man andre für sich arbeiten läßt und auf deren Kosten lebt. Ist Reichtum einmal geschaffen, kann man ihn auch durch Erbschaft erlangen. Mittlerweile kann man sich auf der andren Seite, selbst wenn man sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, nicht einmal mehr sicher sein, daß es im Alter noch zum Leben reicht. Schon während der Hauptarbeitsphase, d. i. zwischen dem 18. und dem 50. Lebensjahr, reicht heute der Lohn für eine volle Beschäftigung häufig nicht mehr zum Leben, insonderheit wenn man davon eine ganze Familie ernähren muß. Infolgedessen sinken dann selbstredend auch die Rentenansprüche, bei denen man ob des unrealistischen Renteneintrittsalters ohnedies große Abschläge hinzunehmen hat. Denn wer, insbesondre in körperlich anstrengenden Berufen, schafft es tatsächlich, bis zum 65. beziehungsweise sogar 67. Lebensjahr zu arbeiten?
Sodann existiert, parallel dazu, der Mythos, der besagt, alle Arbeitslosen seien grundsätzlich faule Schmarotzer. Um diesen zu befördern, braucht es nur wenig medialen Aufwand. Man nehme einen Menschen, stelle ihn als arbeitslos vor und lasse ihn sich als faul, nutznießerisch und unverschämt darstellen, damit der Fernsehzuschauer oder Zeitungsleser sich darüber erregt und mithin von den eigentlichen Problemen dieses Landes und dieser Welt abgelenkt wird. In der Tat wollen die meisten Menschen arbeiten. Sie wollen jedoch auch, daß ihre Arbeit anerkannt wird, und das ist bei etlichen Angeboten der Jobcenter keineswegs der Fall. Wenn Arbeitslosengeld-II-Empfänger Stellen ablehnen, liegt das in den meisten Fällen nicht daran, daß sie grundsätzlich arbeitsscheu wären. Vielmehr geht es einerseits darum, sich den letzten Rest seiner Würde zu bewahren, indem man sich nicht wissentlich ausbeuten läßt, während man ohnedies schon wie menschlicher Müll behandelt wird. Und andrerseits geht es darum, daß niemand, der bei klarem Verstand ist, sich durch die schlechte Bezahlung, selbst bei einer Vollanstellung, motiviert fühlen kann. Daraus folgt indes nicht, daß man die Arbeitslosengeld-Sätze, namentlich aber die Arbeitslosengeld-II-Sätze, weiter senken müßte. Man muß, im Gegenteil, die zu besetzenden Stellen mit angemessenen Löhnen verbinden, damit die Menschen ihre Arbeit, das, was sie leisten, gewürdigt wissen. Mit andren Worten, wer vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wird und bleibt, hat auch keinen Grund, zu dieser etwas beizutragen.

Anmerkungen
1. Zitiert nach Der Westen, »Schavan lehnt Quote für Wissenschaftlerinnen ab«, vom 21. September 2011, erreichbar unter http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/Schavan-lehnt-Quote-fuer-Wissenschaftlerinnen-ab-id5084843.html
2. Früher als »Psychopathie« oder »Soziopathie« bezeichnet. Siehe dazu http://www.onlineberatung-therapie.de/stoerung/persoenlichkeitsstoerungen/antisoziale-dissoziale-persoenlichkeitsstoerung.html.

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