Feminismus in der Bundesrepublik Deutschland heute

Der Begriff des Feminismus wirkt heute ein wenig angestaubt. Überhaupt ist es zu einer Mode geworden, sich von Wörtern mit der Endung ›-ismus‹, insonderheit in der Mehrzahl ›-ismen‹, zu distanzieren – womöglich weil es eine gewisse Intellektualität suggeriert, selbst wenn diese gar nicht vorhanden ist. So schrieb beispielsweise Robert Leicht vor einigen Jahren in DIE ZEIT: »Doch das wäre doch das wahre Ziel jeder (auch politischen) Aufklärung: Der Verzicht auf jeden ›-Ismus‹. Denn der ›Ismus‹ ist es doch, der eine vernünftige Idee ins Unvernünftige übertreibt. Wie im Fundamentalismus.«1 Mit andren Worten, sobald man auf das Suffix ›-ismus‹ verzichtet, wird alles gut. Auf den konstruktiven Vorschlag einer Alternative warte ich freilich bis heute vergebens.
Jedes Wort kann, je nach Gebrauch, Sprecher, Hörer, Schreiber oder Leser, vieles bedeuten. Wer ein Wort als zentralen Begriff in einer mündlichen oder schriftlichen Diskussion verwendet, muß, um Mißverständnisse zu vermeiden, ohnedies festlegen, was er unter demselben verstehe. Andernfalls redet man höchstwahrscheinlich, wie es so oft in öffentlichen Debatten vorkommt, aneinander vorbei. Es steht mithin jedem frei, ein mit dem Suffix ›-ismus‹ gebildetes Hauptwort innerhalb der Grenzen des Bezugswortes selbst zu definieren. So macht es zwar zum Beispiel keinen Sinn zu sagen, »Unter ›Faschismus‹ verstehe ich blaue Fahrräder.« Es macht aber sehr wohl Sinn zu sagen, »Unter ›Faschismus‹ verstehe ich sowohl das politische Handeln Italiens unter Mussolini als dasjenige Deutschlands unter Hitler.« Oder aber man betrachtet den deutschen Faschismus (in irreführender Selbstbezeichnung: Nationalsozialismus) als sui generis, wie es beispielsweise Hannah Arendt tat.
Jedenfalls ist es nicht grundsätzlich unvernünftig, bestimmte Ideen, Phänomene, Strömungen und dergleichen mehr unter einem Begriff, und sei es einer auf das Suffix ›-ismus‹, zu fassen.
Selbstredend gibt es ebensowenig den Feminismus, als es den Faschismus, den Sozialismus, den Kapitalismus, den Feudalismus oder den Extremismus gibt. All diese Begriffe fassen verschiedne Phänomene und Gedanken zusammen, um sie einfacher handhaben zu können. Verkürzend werden sie erst dann, wenn man das zusammenfassende Moment des Oberbegriffes auf die Einzelphänomene zurücküberträgt, d. i. umgekehrt zur ursprünglichen Richtung verallgemeinert.
Dem Voraufgegangnen entsprechend faßt der Begriff des Feminismus verschiedne historische (und damit nach meinem Verständnis ingleichen gegenwärtige) Phänomene, Bewegungen und Gedanken unter sich. Die eigentliche Problematik gerät bei dem Streit um Wörter, Worte und Wortbildungen oft aus dem Blick.
Die im abendländischen Denken geradezu klassische Dichotomie zwischen Mann und Frau, kategorisch und darum um so ändrungsresistenter verankert, wird der sozioökonomischen Wirklichkeit heute ebensowenig gerecht als dem Verlauf der gesamten bisherigen Geschichte.
Was männlich und was weiblich sei, läßt sich in gewissem Maße physiologisch bestimmen. Allein selbst physiologische Merkmale verlieren angesichts von Phänomenen wie Hermaphroditismus (Ausbildung von sowohl männlichen als weiblichen Geschlechtsmerkmalen an demselben Individuum) ihre scheinbare Eindeutigkeit. Was indes schwerer wiegt, ist, daß wir den physiologischen Merkmalen bestimmte charakterliche Eigenschaften, Wesenseigenschaften als notwendig damit verknüpft beigesellen. »Männlich«, das meint hart und dominant, »weiblich« hingegen meint weich und unterwürfig. Daß dies kaum die individuale Realität widerspiegelt, ist trivial. Dessenungeachtet hat man durch die ganze bisherige Menschheitsgeschichte hindurch Frauen Recht und Besitz, Anerkennung und Respekt verweigert, indem man sich eben hierauf berief.
Wo stehen wir heute? Die Wahrheit ist, daß wir heute keine wesentlichen Fortschritte gegenüber den letzten zwei Jahrhunderten mehr zu verzeichnen haben. Frauen sind auch heute noch »le deuxième sexe« (das andre Geschlecht), wie Simone de Beauvoir einst ihr profundes Werk betitelte1. Ja, im Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland (BRD) heißt es unter Artikel 3, Absatz 2: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.«3 Allein dieser Artikel ist, wie jedes positive Recht und Gesetz, nur soviel Wert als das Papier, auf dem es geschrieben steht, solange es an dem Willen mangelt, es umzusetzen, solange nicht das rein anschauliche Denken zu handlungsrelevantem Denken wird. Zwar befinden sich Frauen in der BRD heute in einer beßren Lage als Frauen in vielen andren Teilen der Welt; sie dürfen politisch wählen, ihre Stimme zählt dabei soviel als die eines Mannes, sie können selbst die Scheidung einreichen, Vergewaltigung in der Ehe ist ein Straftatbestand, sie dürfen einen Beruf ihrer eignen Wahl ergreifen. Aber bei alledem handelt es sich faktisch immer noch um Zugeständnisse von seiten des Mannes, der die Frau als »l’autre« (die andre) setzt, weil und indem er sich selbst als »l’un« (den einen) setzt. In jedem Recht klingt, wie es Frauen teils selbst ausdrücken, ein »auch« mit. Frauen sind auch Menschen, Frauen dürfen auch wählen, Frauen dürfen auch Berufe ergreifen, Frauen dürfen auch ihre Meinung äußern und veröffentlichen. Dies macht aber allererst das Recht zum Zugeständnis, als großzügiges Geschenk verstanden, das der Mann ebensogut hätte verweigern können. So ein Recht ist indes wertlos, denn, wie Simone de Beauvoir John Stuart Mill zitiert:

Je suis convaincu que les relations des deux sexes qui subordonnent un sexe à l’autre au nom de la loi sont mauvaises en elles-mêmes et forment l’un des principaux obstacles qui s’opposèrent au progrès de l’humanité; je suis convaincu qu’elle doivent faire place à une égalité parfaite.4

Wir sind von diesem Ziele offenbar noch weit entfernt. Weil es sich bei allen Rechten der Frauen mehr oder minder um Zugeständnisse von seiten der Männer handelt, sehen Frauen sich heute in der Bundesrepublik einer Doppelbelastung ausgesetzt. Während sie Berufe ergreifen, politisch wählen und ihre Meinung verbreiten dürfen, verlangt man nach wie vor von ihnen, daß sie ihre traditionellen Pflichten erfüllen, d. i., sich um den Haushalt kümmern, die Kinder erziehen und was immer sonst anfallen mag. Beruf und Familie sind heute in der BRD ebensowenig vereinbar als Kreis und Rechteck in derselben Figur: Es handelt sich um Gegensätze. Allein diese Gegensätze sind ein Kunstprodukt, sie entstehen allererst dadurch, wie wir Gesellschaft und Gemeinschaft gestalten. Wenn die gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Strukturen die entsprechenden Bedingungen böten, wären Beruf und Familie durchaus vereinbar. Wenig hilreich ist es unterdes, daß Ursula von der Leyen, die zwar Arbeitsministerin ist, sich aber nichtsdestoweniger weiterhin als Mutter der Nation aufspielt, mit fünf Kindern und zehn Kindermädchen verkündet, Beruf und Familie seien vereinbar. Derzeit ist alles möglich, wofern man über die entsprechenden privaten finanziellen Mittel verfügt. Dies ist indes ein Faktor, der Ungleichheit schafft, und zwar unter den Frauen selbst, weil sich einige Privilegierte wie Ursula von der Leyen mehr ihrer Klasse denn ihrem Geschlecht solidarisch fühlen, insonders aber verhalten. Womöglich bleibt ihnen aber auch diese von der eignen verschiedne Realität, die außerhalb des Leistungsmythos besteht, mangels Vorstellungskraft einfach verschlossen. Jedenfalls schreiben wir in unsrer modernen Gesellschaft und wiederum innerhalb ihrer Gemeinschaften beiden Geschlechtern konkrete Rollenbilder vor. Denn nur dadurch, daß man sagt oder schreibt, etwas sei nicht länger der Fall, ist es keineswegs aufgehoben. Mißstände schafft man nicht durch Versprechungen in Wort und Schrift ab, sondern durch konsequentes Handeln. Eben daran ermangelt es uns nach wie vor.
Worum es im Feminismus, gleichviel, welcher (ernstzunehmenden) Spielart, niemals ging und geht, ist, reale physiologische Unterschiede zu leugnen oder zu übergehen. Dies ist ein Mißverständnis, welches mir nahezu allezeit und allenthalben begegnet, wo man über das Verhältnis zwischen den biologischen Geschlechtern und ihren sozioökonomischen Rollen diskutiert. Es geht vielmehr darum, ein kritisches Auge für die allzu selbstverständlich zugeschriebenen Rollenverteilungen zu entwickeln und die theoretisch verankerten Rechte zur Grundlage nicht bloß des Denkens, sondern ingleichen und insonderheit des Handelns zu machen. Das allerorts mitklingende »auch«, wenn man von dem spricht, was Frauen können und dürfen, muß aus den Gedanken verschwinden. Frauen sind nicht auch Menschen, Frauen könne nicht auch das meiste von dem, was Männer können, und umgekehrt, Frauen dürfen nicht auch Berufe ihrer Wahl ergreifen und auch politisch wählen. Frauen sind Menschen, können das meiste von dem, was Männer können, und umgekehrt, Frauen dürfen Berufe ihrer Wahl ergreifen und politisch wählen. Ebendies zu begreifen ist der nächste Schritt, der uns insgemein not tut. Feminismus ist damit aber aktueller denn je.

Anmerkungen
1. Leicht, Robert: »Am besten gar kein ›-Ismus‹«.
2. de Beauvoir, Simone: Le deuxième sexe I; n° 37; Paris: Gallimard, 1949, renouvelé en 1979 und ebendieselbe: Le deuxième sexe II; n° 38; Paris: Gallimard, 1949, renouvelé en 1979.
3. Siehe GG Art. 3, Abs. 2.
4. de Beauvoir, Simone: Le deuxième sexe I; S. 210.
»Ich bin überzeugt, daß die gesellschaftlichen Beziehungen beider Geschlechter, die eines dem andren im Namen des Gesetzes unterordnen, an sich schlecht sind und eines der grundsätzlichen Hindernisse bilden, die dem Fortschritt der Menschheit im Wege standen; ich bin überzeugt, daß sie einer vollkommnen Gleichheit Platz machen sollten.« (Übersetzung von mir.)

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