Normen und Werte in der modernen Gesellschaft: Intoleranz versus Beliebigkeit (?)

Die moderne Gesellschaft, im Rahmen der Globalisierung als Konglomerat der verschiednen Kulturen verstanden, ist zweifelsohne ein Produkt historischer Prozesse. Wiewohl oder auch weil die verschiednen Kulturen einander durch beständigen Kontakt und Austausch nähergekommen sind, hat sich die Leitfrage der antiken griechischen Philosophie nicht erübrigt, sondern ist um so drängender geworden: Was ist ein gutes Leben? Offenbar handelt es sich dabei jedoch um eine Frage, die man unmöglich voraussetzungsfrei beantworten kann, weil man dazu über den rein deskriptiven (beschreibenden) Bereich hinaus gehen und sich auf evaluative (bewertende) beziehungsweise normative (vorschreibende) Aspekte beziehen muß.
Schon die alten Griechen wurden gewahr, daß die eignen Sitten nicht notwendig, sondern lediglich kontingent waren, als sie auf die Perser trafen. Der Begriff des Barbaren hatte entsprechend zunächst keine pejorative (abwertende) Bedeutung. Vielmehr drückte er aus, daß die Griechen die als Barbaren (die, die »barbar« machen) bezeichneten nicht verstanden.
Allein es bringen alle Sitten einen normativen Aspekt mit sich, der sich im Gedächtnis des einzelnen emotional verankert als das, was gesellschaftlich geboten, verboten oder indifferent (weder geboten noch verboten) ist. Der einzelne wie die jeweiligen Gemeinschaften, denen die einzelnen angehören, assoziieren bestimmtes Verhalten mit evaluativen Begriffen wie »gut« und »böse«, »richtig« und »falsch«, »schön« und »häßlich«. Das wesentliche Problem besteht nunmehr in dem mit diesen Begriffen oftmals einhergehenden Absolutheitsanspruch. Dieser bringt allererst hervor, was wir heute Intoleranz nennen: es nicht zu ertragen, daß andre von dem, was man selbst als »richtig«, »gut«, »schön« aufzufassen erlernt hat, abweichen.
Es ist an dieser Stelle wichtig, den Begriff der Toleranz von demjenigen der Akzeptanz abzugrenzen. Jener geht zurück auf lateinisch tolerare, was soviel als »ertragen« bedeutet, dieser aber auf lateinisch accipere, was soviel als »annehmen, übernehmen«, seltner auch »gutheißen, billigen« bedeutet. Das eine schließt mithin das andre nicht zwingend ein.
In unsrer modernen Gesellschaft, in der die Grenzen der territorialen Nationalstaaten nicht länger die Grenzen des Erfahrungshorizontes und des tatsächlichen Lebensraumes darstellen, geraten nunmehr zweierlei Aspekte in Konflikt miteinander. Auf der einen Seite steht die wichtige Erkenntnis, daß die Sitten, die Normen und Werte, die Lebensweise der eignen Gemeinschaft, der eignen Kultur nicht absolut, sondern nur relativ auf ebendieselben bezogen gelten. Auf der andren Seite steht das emotionale Gedächtnis, in welchem mehr oder minder fixe Begriffe verankert sind. Die einfachste Lösungsvariante bestet darin, den Absolutheitsanspruch der eignen Sitten aufrechtzuerhalten und pauschal alle abweichenden Sitten für verderbt oder schlicht falsch zu erklären. Dies ist die bevorzugte Variante organisierter Religionen. Die zweite Variante besteht in einer völligen Beliebigkeit gegenüber jedweder Art von Norm- und Wertunterschieden. In der Tat scheinen viele Menschen in unsrer heutigen Gesellschaft diese Variante zu bevorzugen, weil man sich vermittels ihrer aus beinahe allen Konfliktsituationen stehlen kann, ohne konkret Stellung beziehen zu müssen. Anderweitige Konflikte lassen sich gepflogen ignorieren. Die dritte Variante besteht schließlich darin zu versuchen, von den konkreten kulturell bestimmten Werten zu abstrahieren und zunächst nach Gemeinsamkeiten zu suchen, um diese als gemeinsames Fundament zu verwenden.
Für sich sieht so gut wie jeder einzelne ein, daß weder völlige Intoleranz noch völlige Beliebigkeit der beste Weg sein können. Unglücklicherweise gibt es bei Menschen ebenso wie bei andren Tieren einen gewissen Herdentrieb, dessen Dynamik individuelle Einsichten allzuleicht vergessen macht – und sei es nur für den Augenblick. Was wir darum als einzelne lernen müssen, ist, unsren Herdentrieb, insgemein aber überhaupt unser impulsgesteuertes Verhalten zu begrenzen.
Als moderne Menschen finden wir uns allzubald in Situationen, die uns überfordern. Die affektuelle, impulsive Antwort lautet daher meist: Flucht oder aber Kampf. Langfristig löst dies indes keine Konflikte, sondern verschärft sie vielmehr. Um deswillen liegt der richtige Weg, wie so oft, in der Mitte der beiden Extreme. Weder dürfen wir uns einfach zurücklehnen oder vor allem und vor jedem verstecken, noch dürfen wir alles, was uns fremd oder ungewohnt scheint, als bedrohlich interpretieren und verdammen oder gar auszumerzen suchen. Fest steht jedenfalls im Hinblick auf die bisherige Geschichte, daß es keine singuläre Lösung gibt, die auf alle Konflikte gleichermaßen anwendbar wäre. Im Gegenteil, es sind die meisten Konflikte selbst singulär, d. i. einzigartig, selbst wenn denselben gewisse musterhafte menschliche Verhaltensweisen zugrunde liegen. Sie bedürfen ebendarum gründlicher, feinsinniger, feinfühliger und wechselseitig respektvoller Verhandlungen. Dies gilt für persönliche Konflikte ebensosehr als für solche zwischen organisierten Gruppen und Staaten. Kompromißbereitschaft bedeutet nicht zwingend Bereitschaft zu faulen Kompromissen. Neben faulen Kompromissen können freilich auch falsche Voraussetzungen und Einstellungen zwischen Konfliktparteien oder Außenstehenden der Grund dafür sein, daß sich ein Konflikt nicht lösen läßt.
Das beste Beispiel der jüngeren Geschichte hierfür stellt zweifelsohne der Konflikt um den Staat Israel und Palästina dar. Die europäisch verwurzelten antijudaistischen Ressentiments dürfen heute als ein entscheidender Faktor für die unentschuldbare Massenvernichtung der Juden unter dem deutschen faschistischen System gelten. Ich schreibe bewußt von einem faschistischen System, weil alles andre die Einzeltätertheorie stützt oder anderweitig ideologisch verblendete Kampfbegriffe im (bewußten, insonders öffentlichen) Denken verankert. Nachdem sie fast zwei Jahrtausende lang verfolgt, vertrieben und sogar Opfer systematischer Vernichtung geworden waren, schien und war es berechtigt, für die Juden eine Heimat in Form eines eignen Staates zu schaffen. Leider hat die Politik israelischer Regierungen letztlich einen neuen Konflikt geschaffen und seither stets verschärft. Benjamin Netanjahu kann sich inzwischen darauf stützen, daß, gleichviel, was seine Regierung tut, wie viele internationale Abkommen und wieviel internationales Recht sie auch bricht, sich keine negativen Konsequenzen ergeben werden. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, daß es gelungen ist, jedwede Kritik am Staate Israel einschließlich dessen Politik zum Antijudaismus hochzustilisieren. Dabei sind Kritik und Argumente an beziehungsweise gegen bestimmte Menschen und ihr Handeln etwas andres als gegen eine ganze Gruppe, ein Volk oder eine Theorie. So kann man Albert Einsteins Empfehlung an den amerikanischen Präsidenten, Kernwaffen zu bauen, kritisieren, ohne den gesamten Menschen oder die Relativitätstheorie anzugreifen beziehungsweise zu verdammen. Hier von Antirelativitätstheorismus oder etwa Antieinsteinismus zu reden, dünkt wohl jeden gleichermaßen lächerlich. Auf der andren Seite stellen auch dem geschundensten Opfer die an ihm verübten Verbrechen keinen Freifahrtsschein für Rechtsbrüche aller Art aus. Wäre dem so, dürfte beispielsweise auch jemand, den man ausgeraubt hat, Serienmorde begehen. Allein nach ebendieser Logik handelt die Israelische Regierung. Sie begeht Verbrechen in Serie, und sie dessen zu bezichtigen sowie Strafmaßnahmen wider sie zu fordern, macht einen noch lange nicht zu einem Antijudaisten.
Ein weitres aktuelles Beispiel stellt der weit verbreitete Antimuslimismus dar. Die natürliche Skepsis und die natürliche Angst vor dem Fremden werden von extrem rechtspolitischen Gruppierungen zur allgemeinen Bedrohung der Gesellschaft stilisiert und dazu instrumentalisiert, die eignen Einflußsphären auszuweiten. Stichworte wie »Überfremdung« und »Islamisierung« knüpfen dabei an uralte Ängste und traditionell gepflegte Ressentiments des Okzidents gegenüber dem Orient an. Statt die Möglichkeiten zu sehen und zu begreifen, die darin liegen, daß sich die verschiednen Kulturen vermischen können, entwirft man das Bild der Verdrängung der einen Kultur, in diesem Falle der christlich-abendländischen, durch eine andre, in diesem Falle die islamisch-morgenländische. Die Kritik richtet sich dabei nicht, wie es legitim wäre, gegen den Islam als Religion, der ebensosehr wie das Christentum und jede andre Religion zu kritisieren ist, sondern gegen bestimmte Menschen, und zwar in einem klassisch rassistischen Sinne. Begrifflichkeiten wie »islamkritisch« werden dazu mißbraucht, die rassistischen, d. i. gegen eine bestimmte Menschengruppe und deren Kultur, nicht die von diesen zu unterscheidende Form der organisierten Religion, Ressentiments als legitim erscheinen zu lassen.
Wenn es also einen kulturellen Verfall gibt, so ist es nicht derjenige, den die verschiednen Religionen und politischen Parteien uns stets predigen. Vielmehr besteht einen kultureller Verfall darin, daß Menschen kulturelle Unterschiede und Konflikte zu kulturellen Vernichtungskriegen erklären und somit die grobschlächtigsten und menschenunwürdigsten Maßnahmen wider andre Menschen legitimieren.
Der überforderte Mensch flieht in die trügerische Sicherheit der beiden Extreme Intoleranz und Beliebigkeit. In diesem Falle liegt das Heil jedoch nicht in der Flucht, sondern in dem Willen, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen, in welcher sowohl Intoleranz als auch Beliebigkeit aus dem Wortschatz verschwunden sind.

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