Frauenquoten und Familienpolitik

Man hört und liest dieser Tage viel über die Forderung nach gesetzlich festgeschriebnen »Frauenquoten«. Die Forderung bezieht sich darauf, daß in nahezu allen Berufen, insonderheit aber in den Führungsetagen, Frauen systematisch unterrepräsentiert sind. Mit einer gesetzlichen Regelung soll diesem Mißstande abgeholfen werden. Allein, in solchen Fällen nach der Legislative zu rufen heißt, das eigentliche Problem durch eine Scheinlösung zu verschärfen. Denn die gesetzliche Frauenquote zu fordern schließt ein, daß Frauen dieser Quote bedürften, weil sie es selbst nicht fertigbrächten, in die besagten Führungspositionen zu gelangen. Warum aber gelingt ihnen dies so selten? Führungspositionen sind für Frauen in unsrer Gesellschaft so schwierig zu erreichen, weil sie systematisch von denselben ferngehalten werden. Während schon unter Männern der Leistungsmythos keineswegs zutrifft – wer viel leistet, erreicht viel –, erreicht der Mißstand, daß persönlicher Verbindungen einem Vorteile im Berufsleben verschaffen, bei Frauen einen traurigen Höhepunkt. Gleichviel, wie hoch sich eine Frau auch qualifizieren mag, so betrachtet man(n) ihre Leistungen für gewöhnlich doch als geringwertiger als diejenigen eines Mannes – selbst eines geringer qualifizierten. Ebendies stellt das eigentliche Problem dar. Daß Frauen in nahezu allen Berufen und insbesondre in Führungspositionen unterrepräsentiert sind, liegt daran, daß man sie nicht als Gleiche unter Gleichen anerkennt. Führt man unter diesen Umständen eine gesetzlich festgeschriebne Frauenquote ein, bekommt jede Einstellung, gleichviel, unter welchen Voraussetzungen sie zustande kommt, den Beigeschmack, nicht verdient zu sein: »Du bist bloß hier, weil es das Gesetz vorschreibt.«
‘It’s a man’s world’ trifft es genau. Denn Männer betrachten Frauen im Berufsleben oft nicht nur als leistungsmäßig unterlegen – sei es intellektuell, sei es physisch –, sondern zugleich als Objekte, von denen sie den einen oder andren Gefallen fordern können, meist mit dem Versprechen, der Frau gewisse Privilegien zu verschaffen. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck, jemand (in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle wohl eine Frau) habe sich »hochgeschlafen«. Absurderweise wirft man(n) dies den Frauen dann auch noch vor beziehungsweise blickt abschätzig lächelnd auf sie herab.
Schafft es eine Frau dennoch, in eine Führungsposition zu gelangen, ohne auf Verbindungen zu bestimmten Männern zurückzugreifen, handelt sie meist nicht mehr als sie selbst, sondern als Mann. Indem sie das Verhalten der führenden Männer imitiert, in unsrer Gesellschaft als »weiblich« vorgestellte Eigenschaften ablegt, erkauft sie sich sozusagen die Anerkennung der Männer. Der Preis dafür, daß man(n) sie nunmehr als Subjekt anerkennt, ist, daß man(n) sie nicht mehr als sie selbst anerkennt.
Besonders hilfreich ist es da, wenn ohnedies als an vorderster Front kämpfende Frauenrechtler bekannte Männer wie Dieter Zetsche, seines Zeichens Vorsitzender der Daimler-AG, reflektierte Äußerungen wie die folgende von sich geben: »Wenn ich höre, dass in drei, vier Jahren 40 Prozent auf den Führungsposten Frauen sein sollen, dann verraten Sie mir bitte: Wohin soll ich all die Männer aussortieren?«1 Er hat zwar insofern recht, als die Quote als solche sinnfrei ist und bleibt. Allein er versteht offenbar nicht, aus welchem Grunde es sich so verhält. Seine Äußerung hat, vor dem Hintergrund seiner sonstigen Auslassungen zu Politik und Wirtschaft, eher einen zynischen Beigeschmack: Die armen Männer sind doch erst Multimillionäre, die noch Milliardäre werden wollen. Mit Abfindungen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich lassen die sich bestimmt nicht abspeisen!
Bedenkt man indes, von wem die Forderung einer Quote von mindestens einem Drittel Frauen in Führungspositionen stammt, wird einem einiges klar. Ursula von der Leyen (CDU), ihres Zeichens Arbeitsministerin, die sich davon aber keineswegs beirren läßt, sich weiterhin als Mutter der Nation aufzuspielen, hat einmal mehr bewiesen, daß sie von Politik nichts versteht – oder verstehen will. Dem konservativen Denken unterliegt nun einmal, und zwar anscheinend unabänderlich, das Pipi-Langstrumpf-Motto »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt«. Es zählen nur (willkürlich festgelegte) harte Zahlen und (selbstgeschaffne) Fakten, freilich jenseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Die einzige Frau, die noch weniger von Arbeit, Familie und Feminismus versteht, dürfte die amtierende Familienministerin Kristina Schröder (ebenfalls CDU) sein. Hier eine kleine Probe ihrer weitreichenden Erkenntnisse:

Eltern wollen ihre Kinder möglichst gut in ihrer Entwicklung unterstützen, gut für ihre Kinder sorgen können, ausreichend für sie Zeit haben und ein gutes unterstützendes Umfeld vorfinden. Das geht aus dem »Monitor Familienleben 2011« des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor, den Bundesfamilienministerin Kristina Schröder am 14. September gemeinsam mit Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher in Berlin vorgestellt hat.2

Kurz, Eltern wollen, daß es ihren Kindern gut geht, und Schaden von ihnen fernhalten. Wirklich… Wirklich? Wirklich?! Wirklich. Wirklich?3 Für diese Banalität bedurfte es allen Ernstes einer Studie eines Demoskopieinstituts. Ich hätte Frau Schröder das gleiche Ergebnis liefern können, nur kostengünstiger.
In einem andren Artikel heißt es: »Wer Kinder hat, verdient die Unterstützung des Staates. Die Bundesregierung setzt dabei auf eine Familienpolitik, die den Zusammenhalt der Gesellschaft festigt. Als Voraussetzung dafür benötigen Familien Zeit für Verantwortung und jede und jeder einzelne faire Chancen in der Gesellschaft.«4
Leider ist von diesen drei Sätzen nur der erste wahr. Die Bundesregierung, wie die ihr voraufgegangenen Regierungen, bewirkt das genaue Gegenteil. Aus bürokratischen Hürden, uneingeschränkter kapitalistischer Marktwirtschaft, in der Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden, sowie dem Recht-und-Ordnung-Prinzip (law-and-order principal) resultiert, daß Menschen einander bekämpfen, statt zusammenzuarbeiten. Jeder ist sich selbst der nächste, denn warum sollte der einfache Mensch es anders machen, als es ihm die politischen und wirtschaftlichen Eliten vormachen? Von »fairen Chancen« kann hier kaum die Rede sein. Geldzuschüsse für Familien müssen meist umständlich beantragt werden. Wer aber eine Vollbeschäftigung, von der nicht einmal eine einzelne Person leben kann, zwei oder drei Nebenjobs und Kinder hat, hat weder Zeit noch Geld noch Nerven, um sich mit dem bürokratischen Wahnsinn deutscher Behörden auseinanderzusetzen.
Während deshalb selbstredend alle Familienmitglieder auf der Strecke bleiben, sehen sich doch insonders Frauen der größten Belastung ausgesetzt. Man spricht oft von einer Doppelbelastung, wiewohl es sich in Wirklichkeit um eine Dreifachbelastung handelt. Die Familienmutter soll erstens beruflich Karriere machen, zweitens aber zugleich den Haushalt besorgen, worunter man ingleichen die Versorgung der Kinder versteht, und drittens sowohl dem Partner als den Kindern gleich viel Aufmerksamkeit widmen. Der letzte Gesichtspunkt wird oft vernachlässigt oder erst gar nicht erwähnt. Die Familienmutter bedürfte schon übernatürlicher Kräfte, um all diesen Ansprüchen zugleich gerecht werden zu können. Denn den Haushalt zu besorgen und sich rein materiell um Kinder zu kümmern, beinhaltet bereits das Arbeitspensum zweier Vollstellen. Doch damit nicht genug: Die Frau soll dem Partner zugleich noch Geliebte sein, gepflegt und attraktiv, die ihm jeden Wunsch von den Lippen abliest und ihre eignen Bedürfnisse, sei es romantischer, sei es rein sexueller Art, zurückstellt, nur um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Daß Ergebnis kann schließlich nur sein, daß sich die Frau, selbst wenn sie versuchen sollte, allen Ansprüchen gerecht zu werden, in diesem sozialen Geflecht aufzehrt. Hierdurch wiederum nimmt letztlich die gesamte Gesellschaft Schaden.

Was uns not tut, ist – ich kann es nicht oft genug betonen – ein handlungsrelevantes Umdenken. Erst wenn wir gelernt haben, Frauen nicht auch als Menschen, sondern als Menschen, als Gleiche unter Gleichen anzuerkennen; erst wenn wir materielle wie soziale Belastungen auf beide Geschlechter gleichermaßen zu verteilen gelernt haben; erst wenn wir endlich gelernt haben, daß wir allererst, indem wir unsre Gesellschaft aktiv umgestalten, die nötigen Veränderungen hervorbringen können; erst dann werden wir die drängenden Probleme, welche weder Frauenquoten noch die aktuelle Familienpolitik zu lösen vermögen, beseitigt haben.

Anmerkungen
1. »Zetsche fragt sich ›Wohin mit den Männern?‹«, auf Focus Online, Samstag, den 24. September 2011, erreichbar unter http://www.focus.de/finanzen/karriere/management/daimler-chef-zur-frauenquote-zetsche-fragt-sich-wohin-mit-den-maennern_aid_668651.html. (Zugriff am 3. Oktober 2011 um 20 Uhr 20.)
2. Schröder, Kristina: »Familie zuerst! Eltern können sich auf Unterstützung des Staates verlassen«, auf der offiziellen Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Mittwoch, den 14. September 2011, erreichbar unter http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/familie,did=174434.html. (Zugriff am 3. Oktober 2011 um 20 Uhr 23.)
3. The Miz: »Really?«, siehe http://www.youtube.com/watch?v=_GYStSBiiEg&feature=related, http://www.youtube.com/watch?v=6vxiQ9JCKvE&feature=related oder auch http://www.youtube.com/watch?v=DBFxvYdoWQc&feature=related.
4. »Leistungen und Förderung«, auf der offiziellen Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Montag, den 25. Juli 2011, erreichbar unter http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Familie/leistungen-und-foerderung.html. (Zugriff am 3. Oktober 2011 um 20 Uhr 26.)

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