Konservatives Denken

Wir werden dieser Tage wieder einmal deutlich gewahr, was konservatives Denken ausmacht. Dieses zeichnet sich insonderheit durch eines aus: Schlichtheit. Ebendies läßt es auf den ersten Blick so verlockend erscheinen. Die Welt funktioniert nach einfachen, überschaubaren Regeln, deren Strukturen auf einer gottgegebenen Ordnung beruhen. Funktioniert etwas nicht mehr, bedeutet das folglich, die Herrschenden müssen die gesellschaftlichen Strukturen korrigieren und die gottgegebne, da einzig funktionierende, Ordnung wiederherstellen. Welcher Mittel sie sich dazu bedienen, spielt keine Rolle. Daß man das einzig Richtige tut und vertritt, rechtfertigt jedes Mittel. Oder wie das geflügelte Wort sagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Sach- und gesichtspunktgerecht zu differenzieren liegt dem konservativen Denken hingegen fern. Wie einer meiner Bekannten es einmal treffend formulierte: »Man weiß, was man zu denken hat.«
Diese Denkungsart kennt ingleichen nur eine Richtung: vorwärts beziehungsweise geradeaus. Konflikte löst man nicht, indem man darüber nachdenkt, wie man sie lösen könnte. Statt dessen tut man es Alexander dem Großen nach: man zerschlägt den Knoten einfach. Opposition ist also nicht etwas, dem man sich annähert, dem man entgegenkommt und dem man auf Augenhöhe begegnet. Opposition ist etwas, was man zerschlägt, indem man darauf einschlägt, bis es verschwindet oder zumindest nicht mehr erkennbar ist.
Ingleichen verhält es sich mit wirtschaftlichen Krisen. Der Karren steckt im Dreck. Was tut der Konservative? Er drischt mit der Peitsche auf den Wagenlenker ebensosehr als auf die vor den Karren gespannten Pferde ein. Dabei sinkt der Karren noch weiter ein, weil das Gewicht des Konservativen als zusätzliche Last wirkt. Irgendwann kommt dieser Konservative oder ein andrer auf die grandiose Idee, den Wagenlenker auszustauschen, womöglich auch neue Pferde vor den Karren zu spannen und eine dickere Peitsche zu benutzen. Immer vorwärts, immer geradeaus, immer auf Widerstände einschlagen, dann wird alles gut – glaubt der Konservative. Selbstredend wird es das nicht. Leider ist der Konservative unfähig, andre Lösungswege zu erwägen. Er kommt nicht auf die Idee, den Karren zu entlasten, ihn dann aus dem Dreck zu ziehen und künftig Schlammlöcher und andre Hindernisse zu umgehen. Statt dessen wird er so viele Pferde vor den Karren spannen und so viele Peitschenhiebe austeilen, bis der Karren dann doch mit Müh und Not aus dem Dreck kommt, um das ohnedies überladne Gefährt hernach mit weitren Lasten zu beladen und es unmittelbar in das nächstliegende Schlammloch zu manœuvrieren. Daß man diverse Fehler vorausschauend hätte vermeiden können, indem man auf alte Erfahrungen zurückgegriffen hätte, kommt ihm nicht in den Sinn, weil es ihm nicht in den Sinn kommen kann. Das geradlinige Denken in immer denselben Bahnen hat bei ihm derart tiefe Furchen hinterlassen, daß er in den seltensten Fällen aus diesen grabenartigen Gebilden hinauszuklettern vermag. Schon es zu versuchen kostet ihn soviel Kraft, daß er, einmal oben angekommen, erschöpft hintüberfällt und sich am Ausgangspunkte wiederfindet. Naturgemäß machen ihm Abzweigungen und Kreuzungen angst. Am liebsten sieht er sie gesetzlich verboten. Damit dies aber nicht bloß für ihn selbst, sondern auch für alle andren gilt, braucht der Konservative den Staat als Obrigkeitsinstanz, der wiederum mit den langen Armen von Geheimdiensten arbeitet, die abweichendes Denken akribisch überwachen und bisweilen den einen oder andren Querdenker – ein Blasphemiker in den Augen des Konservativen! – beseitigen.
Im Paradoxon fühlt sich der Konservative zu Hause: nur unter Angst kann er angstfrei leben. Freiheit, Demokratie, Kreativität, Alternativen denken – sie und alles, was ihnen auch nur annähernd ähneln mag, sind und bleiben ihm notwendig feind. Die einzige Kreativität, die er für zulässig hält, weil sie ihm selbst nutzt, ist diejenige, mit deren Hilfe er Begriffe und Konzepte instrumentalisieren und umdeuten kann. Er hat sich im Laufe der Geschichte die Konzepte Freiheit und Demokratie angeeignet, um sie zu unterlaufen und schließlich jeden, der sich ihm entgegenstellt, als Freiheits- und Demokratiefeind diffamieren zu können. Es verschafft ihm das gute Gefühl, die einzig richtige Ordnung abzusichern – und damit sich selbst und seine Privilegien.
Da der Konservative also in seiner eignen Welt lebt, deren Begründung auf einer petitio principii1 beruht – die Welt soll so sein, wie sie ist, weil die Welt so sein soll, wie sie ist –, ist es nahezu aussichtslos, ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen. Wir haben es mit einer Realitätsimmunität zu tun, für welche es wie für die dissoziale (auch: antisoziale) Persönlichkeitsstörung2 bislang keine Therapie gibt.

Anmerkungen
1. Ein Argument, das voraussetzt, was es zeigen soll (Zirkelschluß); auch als circulus in demonstrando oder circulus in probando bezeichnet. Siehe dazu »Petitio Principii« auf philosophy.lander.edu, erreichbar unter http://philosophy.lander.edu/logic/circular.html. (Zugriff am 5. Oktober 2011 um 19 Uhr 13.)
2. Früher als »Psychopathie« oder »Soziopathie« bezeichnet. Siehe dazu »Antisoziale/dissoziale Persönlichekitsstörung« auf psychosoziale-gesundheit.net, erreichbar unter http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/disspers.html. (Zugriff am 5. Oktober 2011 um 19 Uhr 18.)

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