An regnerischen Tagen

Ich heiße Anna-Carola und bin vierzehn Jahre alt. Ich habe eine Freundin namens Kathrin, aber sie wohnt weit weg und darum schreiben wir einander meistens Briefe. Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Zimmer und lese oder schreibe. Manchmal fahre ich in der Abenddämmerung Skateboard. Manche Leute sagen, daß ich kein richtiges Mädchen sei, weil ich mich nicht wie eines verhielte. Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß ich ein Mädchen bin. Und seit wann gibt es überhaupt so etwas wie »ein richtiges Mädchen«? Für solche Fragen schreibe ich Tagebuch. Und für Einträge wie den folgenden.
Es hat den ganzen Tag geregnet. Ich mag den Regen, sowohl draußen als in meinem Zimmer. Denn wenn es regnet, hat meine Mutter keinen Grund zu fragen, warum Andreas nicht mehr zu Besuch komme. Besser gesagt: Ich habe einen Grund, den ich vorschieben kann und der sie wenigstens für eine Weile ruhigstellt, was dieses Thema anlangt. »Es regnet doch, Mama«, sage ich dann. »Da würde er doch ganz naß.« »Ja, da hast du recht«, erwidert sie dann zustimmend. Meine Mutter muß sich immer in alles einmischen, was ich mache, gerade so, als lebte nicht ich, sondern sie mein Leben. Ich weiß, daß sie es nur gut meint, aber es hilft mir nicht, weil sie und ich in zwei völlig verschiednen Welten leben. Sie ist konservativ und streng religiös erzogen worden. Ich habe meine Großeltern niemals kennengelernt, aber aus den Erzählungen meiner Mutter kann ich mir das Leben mit ihnen ungefähr vorstellen. Ihre Mutter, meine Großmutter, war ihrem Vater, meinem Großvater, vollkommen ergeben. Was er sagte, war Gesetz, was er anordnete, wurde ausgeführt. Selbstverständlich war er der Ernährer der Familie, während sie sich allein um die sieben Kinder kümmerte. Meine Mutter war die älteste Tochter und wurde daher am strengsten und unerbittlichsten erzogen. »Als Frau bist du Trägerin der Erbsünde«, predigte mein Großvater ihr jeden Sonntag vor dem obligatorischen Kirchgang. »Darum hast du mir zu gehorchen und in der Kirche mit gesenktem Haupt zu sitzen und zu stehen.« Er fragte sich ununterbrochen, was er verbrochen haben könnte, daß Gott ihn mit sieben Töchtern gestraft hatte. Selbstredend tat er dies nur im stillen, denn die katholische Lehre hinterfragt man nicht. Meine Mutter hatte sich widerstandslos dareinergeben, und so nimmt es mich nicht wunder, daß sie irgendwann einen Mann heiratete, mit dem sie ein Kind, nämlich mich, zeugte, nur damit dieser sie dann für eine reiche Erbin aus gutem Hause sitzenließ. Sie hat sich im übrigen darüber nie beklagt und Alimente hat mein Erzeuger auch nie gezahlt. Meine Mutter glaubt an den lieben Gott und daran, daß alles, was ihr zugestoßen ist, ein Teil Gottes Planes sei. Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht an den lieben Gott. Ich glaube auch nicht, daß es so etwas wie eine Erbsünde gibt, und schon gar nicht, daß ich sie in mir trage. Ich glaube, daß man sein Leben selbst bestimmen muß. Und das hat meine Mutter nie verstehen können. Mich hatte meine Mutter nie verstehen können, ebensowenig wie Andreas mich verstanden hatte.
Andreas ist ein Junge, zwei Jahre älter als ich, den ich auf einer Party einer Bekannten, Bekka, kennengelernt habe. Diese Bekannte war eine Mitschülerin, und wie die meisten anderen Mädchen in unserer Stufe lief sie ständig jedem Trend hinterher. Jeden Tag erschienen sie aufgebretzelt mit Schminke, kurzen T-Shirts und Röcken sowie hochhackigen Schuhen in der Schule, als gäbe es einen Preis dafür. Sie hielten das offenbar für äußerst feminin. Als ich einmal bemerkte, daß das, was als feminin gelte, durch kulturuelle und soziale Normen bedingt sei, glotzte mich Bekka bloß dumm an wie ein Fisch in einem Aquarium. Wahrscheinlich konnte sie wegen der extra dick aufgetragenen Schminke nicht ausreichend atmen, um ihre Gehirnzellen mit Sauerstoff zu versorgen. Vielleicht sorgten aber auch einfach nur ihre kurzen Kleider für Durchzug im Oberstübchen. Jedenfalls hat sie mich dann, vielleicht aus Versehen, vielleicht aus Gleichgültigkeit, irgendwann zu dieser großangelegten Party bei sich zu Hause eingeladen. Ich wollte eigentlich nicht hingehen, aber meine Mutter bequatschte mich, daß ich mich doch einmal in Gesellschaft begeben müsse, und damit sie endlich Ruhe gab, versprach ich ihr hinzugehen.
Erwartungsgemäß bestand die Partygesellschaft aus Tussis, die darauf warteten abgefüllt und abgeschleppt zu werden, sowie aus Typen, die darauf aus waren, Tussis abzufüllen und abzuschleppen. Perfect match. Da sprach mich plötzlich Andreas an. »Das hier ist nicht wirklich dein Ding, was?« fragte er mich, während er sich neben mir niederließ. »Richtig erraten«, murmelte ich und verdrehte die Augen. »Meins ist es aus nicht«, fuhr er unbeirrt fort. Irgendwie habe ich mich dann, weil ich ohnehin nichts anderes zu tun hatte, doch noch auf ein Gespräch mit ihm eingelassen. Und siehe da: Er sah gut aus, war witzig und charmant, und ich dachte wirklich, daß er mich gern hätte. Wir haben uns danach einige Male wiedergesehen, und eines Tages kam es dann zu unserem ersten Kuß. Aber Andreas konnte nicht einmal verstehen, daß er nach unserem ersten Kuß weder meine Brüste noch meinen Hintern anfassen durfte. Da wurde er wütend und schrie: »Wofür mache ich mir eigentlich die ganze Mühe, wenn du mich dann doch nicht ranläßt? Such dir doch ’nen anderen Dämmlichen zum Quatschen. Wenigstens muß ich dann dein bescheuertes Geschwätz nicht mehr ertragen!« Er knallte die Tür meines Zimmers zu und verschwand. Da wurde mir klar, daß er bloß vorgetäuscht hatte, witzig und charmant zu sein, und gern hatte er mich erst recht nicht. Er war einfach nur geil. Und als wir einander geküßt hatten, dachte er ernsthaft, daß er mich, oder besser meinen Körper, besäße. Für ihn war ich bloß ein Objekt der Begierde, weil sein natürlicher Trieb es ihm auferlegte. Aber ich bin kein bloßes Objekt. Ich gehöre niemandem außer mir selbst.
Meine Mutter, die tief verinnerlicht hatte, daß eine Frau einem Mann stets gehorchen müsse, verstand natürlich nicht, daß es da ein Problem geben könnte. Außerdem glaubte sie mir nicht, weil Andreas sie genauso wie mich bis zu unserem ersten Kuß um den Finger gewickelt hatte. Für sie war er immer noch der gutaussehende, witzige und charmante Typ, für den ich ihn auch zuerst gehalten hatte. Und darum fragte sie mich ständig, warum er denn nicht mehr zu Besuch komme. Nur an regnerischen Tagen wie heute habe ich darauf eine Antwort parat, die sie für eine Weile befriedigt. Dann gehört der Tag – oder was davon noch übrig ist – mir.

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