Unsre kleine Stadt [Our Little Town]

[Scroll down for the English translation.]

Manchmal, wenn der Herbstwind in der Abenddämmerung durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt streift, wirkt es ein wenig unheimlich auf unsren Straßen. Und wenn es dazu noch regnet, legt sich eine Grabesstille über die Häuser, als wären sie schon lang verlassen. Dabei weiß man genau, daß, wiewohl niemand ein Fenster öffnet oder auf den Balkon hinaustritt, die Bewohner der Häuser hinter den Fensterscheiben stehen und das Geschehen draußen beobachten. Fremde kommen äußerst selten, und wenn sich doch einmal jemand hierher verirrt, so geschieht es nur auf der Durchreise. Vor langer Zeit war das einmal anders. Die Straßen waren belebt von Händlern und spielenden Kindern, ältren Damen und jungen Herren mit Gehstock, man empfing Gäste in den Schankhäusern oder bei sich zu Hause und das Leben im allgemeinen erstreckte sich vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Heute, insbesondre wenn der Herbstwind durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt streift, wirken die Façaden der Häuser ein wenig verwarlost. Aber das macht wenig, da außer den Bewohnern ja doch kaum jemand jemals einen Blick auf sie wirft, und wenn doch, dann nur einen flüchtigen.
Der Blick des Fremden im Wintermantel, der, seinen Hut haltend, damit dieser nicht vom Winde und dem peitschenden Regen fortgerissen werde, durch die dunklen, nur zuweilen von Blitzen erhellten Straßen unsrer kleinen Stadt eilt, wirkt fast ängstlich, als er die Augen flüchtig schweifen läßt. Allein ich mag mich täuschen, denn wenn der Herbstwind durch die Kronen unsrer kleinen Stadt streift und es dazu noch regnet, wirkt alles ein wenig unheimlicher, als es bei Tageslicht aussähe. Seine Route entspricht beinahe derjenigen, der ich oft als kleiner Junge gefolgt bin, wenn wir nach Schulschluß Fangen spielten, nur daß damals die alte Straßenbahn, die nun jedem Wind und Wetter ausgesetzt ist und bestimmte Straßenteile blockiert, noch fuhr. Mit klopfendem Herzen rannte ich zwischen den Menschen, den schimpfenden Händlern, aufschreienden ältren Damen und verdutzten jungen Herren mit Stock her, kreuz und quer über die Schienen. Meine Verfolger waren mir meist unterlegen, um weswillen ich gerne des öfteren riskierte, einer herannahenden Straßenbahn ausweichen zu müssen. Mir ist es stets geglückt, und die ständigen Ermahnungen meiner Mutter hatten mich noch nie von einer jugendlichen Dummheit abgehalten. Mir wird dabei ein wenig wehmütig, aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge, nicht wahr? Das Alte weicht dem Neuen. Alles muß einmal vergehen. Und die Kindheit vergeht wie der Sonnenaufgang eines Wintermorgens.
Die alte Straßenbahn war ebenso Opfer des großen Brandes von 1837 geworden wie die meisten Häuser, die entlang der Hauptstraße lagen. Dementsprechend hatte es keinen Bedarf gegeben, sie zu restaurieren. Sie blieb als stetes Mahnmal dafür, was passiert, wenn man die Naturgewalten unterschätzt. Und schließlich wirkt der Anblick nur ein wenig unheimlich, wenn der Herbstwind durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt streift und es dazu regnet. Denn die Schatten spielen den Sinnen allzu gern den einen oder andren Streich, als bewegten sich zwischen den Resten der alten Straßenbahn und den ausgebrannten Häusern seltsame Gestalten.
Ebendiese Art von Streich müssen die Schatten dem Fremden spielen, der auf seinem Wege durch die Straßen plötzlich innehält und sich verängstigt umsieht. Dabei ist dort draußen niemand bei ihm, denn unter diesen Umständen, nämlich wenn der Herbstwind durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt streift und es dazu regnet, bleiben die Leute daheim und beobachten das Geschehen draußen schweigend durch ihre Fenster. Der Fremde zittert und vergißt für einen Augenblick, seinen Hut festzuhalten, so daß dieser von Wind und Regen fortgerissen wird. Es wirkt fast ein wenig komisch, wenn man unsre kleine Stadt bei Sonnenschein kennt. Der Fremde verliert das Gleichgewicht und fällt hintüber.
Sie dürfen uns nicht für ungastlich halten. Unter andren Umständen, wenn die Sonne schiene und ein Fremder sich auf der Durchreise befände, böten wir ihm Unterkunft und Verpflegung an. Aber die Umstände gestatten es nicht, denn der Herbstwind streift durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt und es regnet.
Als er sich wieder aufrichtet, bleibt ein Teil seines Haupthaars am verrosteten Türrahmen der alten Straßenbahn kleben, ohne daß er es merkt. Der nächste Blitz erleuchtet eine große Pfütze neben ihm. Er erschrickt, weil sein Gesicht eingefallen aussieht. Als er sich beim nächsten tagesgrellen Blitz in einer noch nicht ganz zerbostnen Fensterscheibe der alten Straßenbahn sieht, erkennt er jedoch, daß sein Gesicht nicht eingefallen ist. Es trägt nur keine Haut mehr. Die Leute stehen jetzt dichtgedrängt hinter den Fenstern und beobachten das Geschehen draußen genau. Die Kleider lösen sich vom Leib des Fremden und geben den Blick auf sein Skelett frei. Regen und Wind stören ihn nicht länger. Schließlich legt sich der Sturm. Die Wolken ziehen weiter und die Sonne fällt wärmend auf die Straßen. Wir treten aus unsren Häusern und heben den Fremden auf. »Brauchst du Unterkunft?« fragen ihn einige der Umstehenden. »Wir haben Verpflegung genug«, ergänzen andre. »Ich war nur auf der Durchreise«, erwidert der Fremde. »Aber jetzt mußt du zum Essen bleiben«, hält ihm jemand aus der Menge entgegen. »Ja«, antwortet der Fremde und kehrt mit uns ein. »Damit du nicht für immer fremd bleibst«, weiß ein junges Mädchen, während eine ältre Dame ihm einen Teller Suppe vorsetzt. Als er aufgegessen hat, nimmt das Mädchen ihn bei der Hand und führt ihn eine knarzende Treppe hinauf. »Komm mit mir an mein Fenster.« »Es wirkt so friedlich«, bemerkt der Angekommne. »Ganz und gar nicht unheimlich.« »Ja«, bekräftigt das Mächen. »Unheimlich wirkt es nur, wenn der Herbstwind durch die Kronen der Bäume unsrer kleinen Stadt streift und es regnet.«

[Sometimes, when the autumn wind at dusk sweeps through the tree tops of our little town, it looks a little scary on our streets. And if there is still raining, a deathly silence will fall about the houses, as though they had been long abandoned. But it is perfectly known that, although no one opens a window or steps out on to the balcony, the inhabitants of the houses are standing behind the windows, observing the events outside. Strangers come here very rarely, and if, nevertheless, someone gets lost here once in a while, it only happens in transit. Long ago it was different. The streets were alive with traders and playing children, elderly ladies and young gentlemen with walking canes, guests were received in the bar houses or at home, and life in general lasted from the early morning until late at night. Today, especially when the autumn wind sweeps through the tree tops of our little town, the facades of the houses seem to have fallen into a little desrepair. But this is of minor concern, since except the inhabitants hardly anyone ever looks at them, and if they do, only cursorily.
The look of the stranger in his winter coat, who, holding his hat, so that it will not be carried away by the wind and the driving rain, rushes through the dark streets of our little town, lit only occasionally by lightning, appears almost fearful, as he lets his eyes wander cursorily. Yet I may be wrong, because when the autumn wind sweeps through the crowns of our little town, and there is still raining, everything appears a little scarier than it would look in daylight. His route is almost the same as the one I should often follow as a little boy, when we played catch after school, only that the old tram, which is now exposed to wind and weather and blocks certain parts of the street, would still be in use. With a beating heart, I ran between the people, the grumbling traders, the screaming elderly ladies, and bewildered young gentlemen with walking canes, back and forth across the rails. My pursuers were usually unable to catch up with me, for which reason I should often risk having to dodge an oncoming tram. I always succeeded, and the constant reminders of my mother had never stopped me from a youthful stupidity. I am getting a little melancholy, but that happens to be the way things go, right? The old gives way to the new. Everything has to pass once. And childhood passes like the sunrise of a winter morning.
The old tram had become a victim of the great fire of 1837 as most of the houses located on the main road. Accordingly, there had been no need to restore it. It remained as a steady reminder of what happens when you underestimate the forces of nature. And then, the sight appears only a little scary when the autumn wind sweeps through the tree tops of our little town and it is raining. For the senses easily play one or another trick upon the senses, as though strange figures were moving between the remnants of the old tram and the burnt houses.
Precisely this kind of trick the shadows must be playing upon the stranger who, on his way through the streets, suddenly stops and looks around scared. But it is no one out there with him, because under these circumstances, that is to say, when the autumn wind sweeps through the crowns of our little town and there is still raining, people stay at home and observe the events outside in silence through their windows. The stranger trembles and forgets for a moment to hold his hat, so that it gets carried away by the wind and the rain. It seems almost a little funny, if you know our little town in the sunshine. The stranger loses his balance and falls over backwards.
You must not consider us inhospitable. Under different circumstances, if the sun were shining, and a stranger were passing through, we should offer him food and lodging. But circumstances do not allow so, for the autumn wind is sweeping through the tree tops of our little town and it is raining.
As he gets up again, a major part of his hair remains stuck to the rusty door frame of the old tram without his noticing it. The next flash illuminates a big puddle next to him. He is shocked because his face looks sunken in. When he beholds himself in a not yet completely broken window pane of the old tram at the next lightning bright as daylight, however, he realizes that his face has not sunken in. It is only devoid of skin.
The people are now crowded behind the windows, observing the events outside meticulously. His clothes dissolve from the stranger’s body and reveal his skeleton. He does not mind the rain and the wind any longer. Finally, the storm sets. The clouds move on and the sun falls warmingly upon the streets. We step out of our houses and raise the stranger. ‘Do you need lodging?’, some of the bystanders ask him. ‘We have enough food supplement’, add others. ‘I was just passing through’, replies the stranger. ‘But now you have to stay for dinner’, someone from the crowd responds. ‘Yes’, answers the stranger and returns with us.
‘In order that you will not stay alien for ever’, knows a young girl, while an elderly woman sets before him a bowl of soup. When he has finished it, the girl takes him by the hand and leads him up a creaky staircase. ‘Come with me to my window.’ ‘It seems so peaceful,’ remarks the homecome. ‘Not a bit scary.’ ‘Yes,’ confirms the girl. ‘Scary it appears only when the autumn wind sweeps through the tree tops of our little town and it is raining.’]

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