Zynismus neu definiert

»… wer es zuläßt, daß in seinen eigenen Reihen fortlaufend Unrecht, Unterdrückung, Tod und Gewalt relativiert und gerechtfertigt werden, der steht nicht auf dem Boden unserer Verfassung.«1 Dies ließ Jens Nacke, seines Zeichens Bundestagsabgeordneter der Christlich Demokratischen Union (CDU), am 16. September verlauten. Er bezog sich damit indes nicht erwartungsgemäß auf seine eigne Partei sowie die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Freie Demokratische Partei (FDP) oder Bündnis 90/Die Grünen. Statt dessen wandte er sich mit diesen Worten an DIE LINKE, die marxistische Tageszeitung junge Welt (jW) und deren Autoren Wiglaf Droste. Daß CDU, SPD, FDP und Die Grünen eine konsequent kapitalistisch-imperialistische Einheitsfront bilden, wenn es darum geht, die Privilegien der Reichen zu verteidigen, indem sie zum Beispiel diktatorische Regime einrichten, mit allerlei Waffen beliefern und im nachhinein die Entrüsteten spielen, wenn die Wünsche des Westens nicht mehr angemessen gewahrt werden, um schließlich unter dem von den Vereinten Nationen gesegneten Banner der »humanitären Intervention« Tod und Verderben auf ein solches abtrünniges Land regnen zu lassen, sind wir natürlich schon gewohnt. Ingleichen nimmt es niemanden wunder, daß sich diese Einheitsfront der kapitalistisch-imperialistischen Theaterdemokratie an allem linkspolitisch Orientiertem abarbeitet, um sich selbst als Hüter und Wahrer des Guten zu inszenieren. Wie verzweifelt besagte Einheitsfront aber inzwischen nach brauchbaren Feindbildern sucht, um von den eignen Missetaten abzulenken, wird erst daran deutlich, daß nunmehr schon ein eindeutig satirischer Text eines einzelnen Autoren einer Tageszeitung dafür herhalten muß. Nun handelt es sich freilich bei der jW nicht um irgendeine Tageszeitung, sondern um eine der wenigen verbliebnen unabhängigen und kritischen Zeitungen in diesem Lande. Im Obrigkeitsstaate Deutschland, der sich nach den gescheiterten Großmachtphantasien seines geliebten »Führers« die Maske der Demokratie aufzusetzen genötigt sah, knüpfte man schon bald im Hinterzimmer, aber ebensosehr in der Öffentlichkeit wieder da an, wo einen der verlorne Krieg genötigt hatte, innezuhalten, wenngleich nicht aufzuhören. Unter diesen Voraussetzungen können kritischer Journalismus und öffentlicher Protest nur stören. Was immer man von der jW, Wiglaf Droste und dessen Humor, der sicherlich alles andre als kuschlig ist, halten mag, Art. 5, Abs. 1 des Grundgesetzes besagt völlig unmißverständlich: »Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.«2 Offenbar erwartet man jedoch von der Einheitsfront, daß sich sämtliche Journalisten und Medien freiwillig dem Meinungsdiktat duch die Obrigkeit unterwerfen, wie es die Masse derselben ohnedies bereits tut. Man kann dies in zwei grundlegenden Regeln fassen:

  1. Die Obrigkeit hat immer recht.
  2. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, tritt immer die erste Regel in Kraft.

Ich fühle mich dadurch an eine Kurzgeschichte mit dem Titel »Schönhauser Allee im Regen« von Wladimir Kaminer erinnert. Dort heißt es an einer Stelle:

Nicole und ich kennen das Mädchen, weil sie in unserem Haus wohnt. Ihre Eltern haben einen Lebensmittelladen im Erdgeschoss und geben uns manchmal Erdbeeren und Bananen umsonst. Und diesen Witz kennen wir auch schon. Das Mädchen macht ihn jedes Mal, wenn die großen Pfützen auf der Schönhauser Allee auftauchen und die Menschenmengen kurzzeitig verschwinden.3

Wir können etwas abgewandelt sagen: Wir kennen diese Schmierlappen, weil sie auf unsre Kosten leben. Ihre Strippenzieher in den Konzernen und Banken haben riesige Vermögen und verpulvern manchmal unsre Milliarden umsonst. Und diesen Witz (den mit der Verfassung, die wir ja gar nicht haben, weshalb es wiederum so komisch ist) kennen wir auch schon. Die Schmierlappen machen ihn jedes Mal, wenn die großen Strippenzieher ihre unsre Vermögen verzockt haben und die trügerische Sicherheit des Systems kurzzeitig verschwindet.
Aber eigentlich tut es auch der Volksmund: Wer im Glashaus sitzt …
Die Redaktionen bei DUDEN und WAHRIG, letztere firmiert mittlerweile unter dem Dache BROCKHAUS, dürfen sich unterdes auf die Begründung einer Neuauflage freuen. Die Definition des Eintrages »Zynismus« muß um Nackes Zitat, selbstredend in seinem korrekten Kontext, als Musterbeispiel erweitert werden.

Anmerkungen
1. Zitiert nach junge Welt, Nr. 236, vom 11. Oktober 2011, S. 13.
2. Grundgesetz (GG) Art. 5, Abs. 1, online nachzulesen unter:
http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html.
3. Kaminer, Wladimir: »Schönhauser Allee im Regen«, online nachzulesen unter:
http://baustein.dgb-bwt.de/PDF/C8-Kaminer.pdf.

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