Freitags in der Hochlandstraße

Es brannte noch Licht in der Hochlandstraße 13, als er spät in der Nacht nach Hause kam. Das war oft der Fall, insonderheit aber freitags. Als er die Tür zu seiner Wohnung aufschloß, die stets ein wenig quietschte, weil er sich kein Öl für die Schaniere leisten konnte, fragte er sich wie üblich, was zu dieser späten Stunde wohl hinter den Vorhängen der Hochlandstraße 13 vorgehen mochte. Das Mädchen, das dort seit einigen Monaten wohnte, hatte er mehrmals auf der Straße getroffen. Sie hieß Alina, ihren Nachnamen hatte er nicht erfahren, aber was spielte das schon für eine Rolle. Alina war ein durchschnittlich großes, schmales Mädchen von trotzdem harmonischer Statue, mit glattem, langem braunem Haar, das bis über ihre Schulterblätter reichte und von einer Seite zur andren schwang, wenn sie den Gehweg entlangschritt. Wiewohl sie noch jung war, so zwar, daß es unmöglich schien, sie als junge Frau zu bezeichnen, erzählte ihr Gesicht eine andre Geschichte. Ihre Züge wirkten, im Gegensatz zu ihrem zierlichen Körper, reif und suggerierten eine gewisse intellektuelle, erfahrungsschwangere Reflexion hinter den tiefbraunen Augen. Wenn sie ihm auf der Straße begegnete, grüßte sie ihn stets mit einem verhaltnen Lächeln, das sich immer nur auf der rechten Seite ihres zarten Mundes andeutete und von dem niemand zu sagen wußte, was es bedeutete. Ihre Augen sprachen immerzu eine geheimnisvolle Sprache, und wenn die Augen etwas andres sagen als der Mund, ist das meist ein Zeichen dafür, daß ein Lächeln bloß aufgesetzt ist. Aber er wußte nicht zu sagen, was der Grund dafür sein mochte, daß sie ein Lächeln aufsetzte. Vielleicht handelte es sich bloß um die automatische Erwiederung seines Lächelns, das ihm jedesmal unwillkürlich übers Gesicht huschte, wenn er ihr begegnete. Oder aber es handelte sich um ein diplomatisches Lächeln, das man aufsetzt, um einen Konflikt zu vermeiden, zugleich aber eine gewisse Distanz zu wahren, indem man mit Hilfe dieses Lächelns eine unmißverständliche Grenze zog, die der andre nicht überschreiten darf.
In der Stadt, in der Fremde sich dicht an dicht in den Bussen und Straßenbahnen drängeln, bedeutet Nachbarschaft nichts. Oft genug weiß man nicht einmal, mit wem man eigentlich Tür an Tür wohnt. Und wer auf der andren Straßenseite oder einem benachbarten Hause wohnt, befindet sich praktisch eine ganze Welt entfernt. Nichtsdestoweniger kehrten seine Gedanken wieder und wieder zu ihr zurück. Manchmal vergaß er, wenn er für einen Augenblick von seiner abendlichen Lektüre aufsah, was er gerade gelesen hatte, weil seine Augen an den Vorhängen der Hochlandstraße 13, hinter denen noch Licht brannte, hängenblieben. Gerade weil Alina sich niemals am Fenster zeigte und man stets nur die Vorhänge zu sehen bekam, wollte er um so dringlicher wissen, was sich hinter denselben abspielte – ebensosehr, als er wissen wollte, was hinter ihren tiefbraunen Augen vorging.
Unterdes war es Herbst geworden. Die Bäume bedeckten mit den Blättern, die sie von sich warfen, die Hochlandstraße und die Gehwege, so daß man mit jedem Schritt das für das trockne Herbstlaub charakteristische Rascheln und Knacken erzeugte. Der Blick auf die Hausnummer 13 lag nunmehr vollkommen frei, und oft, insonderheit aber freitags, brannte in Alinas Wohnung noch Licht bis spät in die Nacht. Er konnte sich indes nicht einmal vorstellen, was hinter den Vorhängen vorgehen mochte. Sooft er es auch versuchte, niemals sah er mehr als Alinas zierlichen Körper von harmonischer Statue, die glatten, langen Haare, die bis über ihre Schulterblätter reichten, und die tiefbraunen Augen, hinter denen eine ununterbrochne, erfahrungsschwangre Reflexion stattfand. Worüber aber mochte jemand ihres Alters beständig reflektieren?
»Jedem Menschen«, notierte er einmal in seinem Notizbuch, »wohnt eine gewisse Eitelkeit inne. Daß es sich dabei um ebendies, nämlich leere Eitelkeit, handle, wird man zumeist erst im nachhinein und bei näherer Betrachtung gewahr. Den Aungeblick aber, in welchem es darauf angekommen wäre, diese selbstgeschaffne Schranke zu überwinden, vermag diese Erkenntnis nicht zurückzubringen. Diese Eitelkeit besteht nun darin, sich nicht öffentlich bloßzustellen, weil es uns, sosehr wir dies bestreiten mögen, niemals völlig gleichgültig ist, was andre Menschen von uns halten könnten. Daß die andren dies weniger ernst nehmen als wir selbst, hilft unsrer innren Perspektive nicht ab, denn wir halten uns selbst für das Zentrum der Welt, auf welches alle Augen stets und unmittelbar gerichtet sind.« Sich dessen erinnernd, beschloß er, diese seine Eitelkeit bei nächster Gelegenheit zu überwinden. Denn wiewohl Alina auf der andren Straßenseite wohnte und sich damit eine Welt entfernt von ihm befand, war alles, wessen es bedurfte, ein Wort. »Das Wort an jemanden zu richten heißt, eine Brücke zu einer andren Welt zu schlagen.«
Eines Herbstmorgens, als die Sonne sich gerade erst auf die Hochlandstraße zu stehlen begann, begegneten sie einander etwas unerwartet. Ihre rechte Mundhälfte deutete ein verhaltnes Lächeln an, während sie an ihm vorüberglitt wie üblich. Er faßte sich ein Herz und rief sie an. »Alina!« Sie hielt mitten im Schritt inne und wand sich um. Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur mit leicht hochgezognen Augenbrauen, die eine Erwartungshaltung andeuteten, unverwandt an. »Wollen wir am Freitag miteinander Kaffee trinken?«
»Weißt du … freitags bin ich immer ziemlich beschäftigt«, erwiderte sie etwas abwesend.
»O, ich verstehe«, sagte er mit möglichst gefaßter Stimme. »Und wie wäre es an einem andren Wochentag?«
»Ja«, gab sie mit ihrem verhaltnen, nur durch den rechten Mundwinkel angedeuteten Lächeln zurück. »Gern. Aber Du, ich muß jetzt los. Klingel doch einfach morgen oder übermorgen bei mir!« Und schon hatte sie sich wieder umgewandt und folgte mit etwas hastigeren Schritten als sonst dem Gehweg.
»Das werde ich«, dachte er bei sich und sah ihr nach, bis sie an der nächsten Straßenecke abbog und aus seinem Sichtfeld verschwand.
Anderntags erwachte er später als sonst. Als er sich aufrichten wollte, spürte er einen leichten Schwindel, als hätter er tags zuvor getrunken. Weil er dies jedoch nicht getan hatte, wußte er sich seinen Schwindel nicht zu erklären. Dem Stand der Sonne nach mußte der Tag bereits fortgeschritten sein. Er warf einen Blick aus dem Fenster. Am Straßenrand parkte ein Kleinlaster, und aus der Hochlandstraße 13 trugen ein paar Männer einige ältlich wirkende Meublestücke. Die Vorhänge an Alinas Fenster waren fort. Als er sich endlich gefangen hatte, warf er sich geschwind etwas über, riß die Wohnungstür auf und eilte die Treppen zur Straße hinunter. Die Männer waren gerade dabei, einen altmodischen Sessel mit einigen Flickstellen und Löchern auf den Kleinlaster zu laden. »Entschuldigen Sie«, sprach er sie an. »Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber wessen Wohnung räumen Sie gerade aus?«
»Heute nacht ist meine Nichte Alina bei einem Verkehrsumfall ums Leben gekommen. Ich hab’s heute morgen erfahren. Die Polizei stand ziemlich früh vor meiner Tür. Seit ihrer frühesten Jugen war ich so etwas wie ein Ersatzvater für sie, weil ihre Eltern, mein Bruder und seine Frau, schwer krank waren und recht bald nach ihrer Geburt gestorben sind. Tragische Sache, nicht wahr? Aber wir haben in unsrer Familie nie viel gehabt, auch Alina nicht. Darum holen wir jetzt schon ihre wenigen Habseligkeiten ab. Kannten Sie Alina etwa?«
»Nun ja, ich … wir … Wir waren Nachbarn«, brachte er schließlich hervor.
»Ich verstehe«, murmelte Alinas Oheim. »Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen, wir müssen noch ein paar Dinge aus Alinas Wohnung holen.«
Und die Männer waren bereits wieder auf ihrem Weg ins Treppenhaus der Hochlandstraße 13, bevor er noch ein weitres Wort sagen konnte.
Er kehrte mit langsamen, schleppenden Schritten in seine Wohnung zurück, die wie immer aussah. Nur wenn er aus dem Fenster sah, bot sich ihm ein veränderter Anblick. Fortan brannte in der Hochlandstraße 13 das Licht nicht mehr, nicht einmal freitags, bis spät in die Nacht. Auch die Frage, die ihm beständig auf der Seele gebrannt hatte, war nun endlich beantwortet. Als hätte man einen Schleiher vor seinen Augen entfernt, war es ihm plötzlich klar geworden. Er schrieb in sein Notizbuch: »Ich weiß jetzt, was hinter den Vorhängen in der Hochlandstraße 13, insonderheit freitags, vorging. Dort entfaltete sich jene Einsamkeit, die nie vergeht.«

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