Profeſſor Werner Rufs Vortrag »Demokratiſierung in der arabiſchen Welt?« und Geſchichtspeſſimismus

In ſeinem Vortrag »Demokratiſierung in der arabiſchen Welt?« vom 7. September 2011 in der Eſſener Volkshochſchule interpretiert Profeſſor Werner Ruf das Verhalten der Vereinigten Staaten von Amerika, nämlich ſich bis zu dem Tage, an dem die Reſolution 1973 verabſchiedet wurde, gegen den Krieg auszuſprechen, als »ein Stück Lernprozess«.1 Um einen Lernporzeß dürfte es ſich dabei wohl kaum handeln. Vielmehr waren die Vereinigten Staaten gegen den Krieg, weil ſie kein eignes ſtrategiſches Intereſſe an Libyen haben, weder in wirtſchaftlicher noch in militäriſcher Hinſicht. Infolgedeſſen wollten ſie vermeiden, Teile ihrer militäriſchen Kapazitäten gen Libyen ſchicken zu müſſen. Daß ſie dies würden tun müſſen, war ihnen im vorhinein klar, denn der Hauptakteuer der NATO kann ſich, zumal als Hauptvertreter der Demokratiſierung der arabiſchen Welt, des Exportes von Menſchenrechten und kapitaliſtiſcher Verwertungslogik, keinesfalls davor drücken, an einem ſolch bedeutenden, humaniſtiſchen Projekt teilzunehmen.
Ebenſowenig handelt es ſich aus Sicht der Vereinigten Staaten in Afghaniſtan und Irak um verlorne Kriege, wie Profeſſor Ruf meint.2 Vielmehr haben die Vereinigten Staaten ſich durch die politiſche Inſtabilität in den beiden Ländern, zu welcher ſie zweifelsohne ſelbſt größernteils beigetraben haben, ihre Ölquellen für die nahe Zukunft geſichert. Auch darum ſpielte Libyen in ihren ſtrategiſchen Überlegungen keine Rolle. Statt deſſen lag es hautpſächlich im Intereſſe der Europäer, namentlich Frankreichs und Englands, ſich gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika eigne Ölquellen zu ſichern.
Im Auge des Kapitals iſt die Welt ein großer, kolonialiſtiſch aufzuteilender Kuchen, von dem ſich jeder, der überleben will, ſolange es noch möglich iſt, ein möglichſt großes Stück ſichern muß. Selſtredend möchte niemand der Letzte ſein, denn den beißen bekanntlich die Hunde. In dieſem Falle ließe ſich indes wohl davon ſprechen, daß die andren kapitaliſtiſchen Staaten den letzten Staat ohne bedeutenden Anteil an der Neuaufteilung der Welt von den Machtſtrukturen wegbeißen.
Die Neuaufteilung geht dabei ziemlich offenkundlich vor unſer aller Augen vonſtatten. Außereuropäiſche Staaten werden zu chaotiſchen Peripherien, für die man ſich allerhöchſtens ob der Rohſtoffe, welche ſie bergen mögen, intereſſiert, unterdes europäiſche Länder, die dem Finanzſektor erliegen, zu Protektoraten degradiert werden. Im Fokus ſteht dabei inſonderheit das Streben nach einem Zentralismus ſondergleichen, den wiederum allen voran Deutſchland unter der Regierung Merkel vorantreibt. Den Volkswirtſchaften der einzelnen Staaten legt man finanziell und wirtſchaftlich die Daumenſchrauben an, wodurch dieſe letztlich ihre Souveränität verlieren. Die Parlamente der einzelnen Staaten verlieren jedwede Bedeutung. Dieſe Forderungen kann ſelbſtredend nur ſtellen, wer ſich in den hierarchiſchen Machtkonſtellationen ſowohl gegenwärtig an der Spitze als auch dazu fähig wähnt, dort künftig zu verharren. Überraſchend kommt dieſes Gebaren nicht, wenn man ſich des in Deutſchland hiſtoriſch verankerten Großmachtſtrebens erinnert, welches in zwei Weltkriegen gipfelte und in jeweils vernichtenden Niederlagen endete.
Es dürfte inzwiſchen den meiſten Menſchen klar geworden ſein, daß die Menſchen, die uns regieren, und das Syſtem, das ſie vertreten, weder etwas aus der bisherigen Geſchichte gelernt haben noch auch nur das geringſte Intereſſe daran haben, eine beßre Zukunft herbeizuführen. Sie ignorieren die Wirklichkeit nicht einfach, ſondern ihr Denken iſt immun gegen dieſelbe. Dementſprechend werden ſie niemals, gleichviel, wie ſehr wir uns empören und dawider proteſtieren mögen, einen andren Weg einſchlagen, bis man ſie endlich wie die reudigen Hunde, die ſie ſind, davonjagt. Die Krankheit heißt Kapitalismus: Man kann an ihren Symptomen beliebig herumdoktern, allein ſolange man nicht ihre Urſachen bekämpft, wird der Patient nicht geſund. Der Arzt aber iſt Kapitaliſt und hat entſprechendes Intereſſe daran, daß der Patient krank bleibt, damit er kontinuierlich Profit aus ihm herausſchlagen kann. Und da es in Deutſchland bisher nie zu mehr als ein wenig müdem, rückgratloſem Proteſt gereicht hat, halte ich es auch weiterhin mit George Orwell und deſſen Geſchichtspeſſimismus. Möchte mir nicht doch jemand den Gefallen tun, ebendieſen Peſſimismus zu widerlegen?

Anmerkungen
1. Vgl. Werner Ruf: »Demokratiſierung in der arabiſchen Welt?«; in: Marxiſtiſche Blätter, 5/2011, S. 22.
2. Vgl. ebendaſelbſt.

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