Die Würde des Menschen wäre unantastbar … ¹

… wenn, wie schon so oft bemerkt worden, man sich endlich einmal dazu erbarmte, präzise zu definieren, was man unter dem Begriff der Würde eigentlich zu verstehen habe. Ähnliches gilt für den Begriff der Ehre, die niemand verletzt sehen und derer man schon gar nicht verlustig gehen will, ohne daß indes irgend jemand zu sagen wüßte, was da eigentlich verletzt werde beziehungsweise wessen man da denn nun verlustig gehe. Unterdes haben sich wegen »ehrverletzender« Aussagen und Handlungen über die Jahrhunderte hinweg zahllose Menschen mit Todesfolge duelliert, und noch heute wird mancher Mord begangen, weil Menschen glauben, ihre Ehre beziehungsweise diejenige ihrer Familie sei verletzt oder beschmutzt worden und könne einzig durch eine solche Bluttat wiederhergestellt werden. Menschen wollen »in Würde altern«, und allenthalben behauptet jemand, etwas sei »unter seiner Würde« beziehungsweise unter derjenigen eines andren – nur niemals über derselben.
Nehmen wir probehalber einmal an, »Würde« bedeute soviel als das Recht darauf, von andren geachtet, nicht willkürlich individuellem oder gar kollektivem Spott ausgesetzt, ungefragt berührt oder beliebig enteignet zu werden. Wir sehen sogleich, daß in diesem Falle der Satz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« keineswegs zutrifft. Andrenfalls folgte daraus nämlich, daß jede ironische Bemerkung, jeder negative Kommentar, jedwede negative Kritik und jedweder Kabarettauftritt Angriffe auf die menschliche Würde wären, die es strafrechtlich zu verfolgen gölte. Wenn die Würde nach der angenommnen Definition wirklich unantastbar wäre, hätte dies also absurde Folgen.
Schwerer wiegt jedoch, daß insonderheit diejenigen, welche sich am lautesten und bei jeder Gelegenheit auf besagten Satz berufen, ihn am wenigsten befolgen. In der Bundesrepublik Deutschland haben beispielsweise nur diejenigen »Würde«, welche über die größten finanziellen Mittel verfügen oder aber mit dem Vermögen andrer Menschen spielen. Menschen ohne Arbeit sind pauschal faule Schmarotzer, Araber sind ausnahmslos Islamisten mit Attentatsabsichten, Antifaschisten sind ausschließlich linksextreme Terroristen und so fort.
Innerhalb der sogenannten »westlichen Wertegemeinschaft« gilt es inzwischen als chic, jemanden dazu auszuerwählen, jederzeit und allenthalben Opfer willkürlicher Schikanen werden zu »dürfen«. Insonderheit Fernsehsendungen für Kinder und Jugenliche halten es mit diesem Prinzip. Ich denke dabei wiederum namentlich an die Serien I-Carly und Victorious, die der Sender Nickelodeon regelmäßig ausstrahlt, um nur zwei prägnante Beispiele zu nennen. In erstrer Serie, in welcher Miranda Cosgrove (als Caroline »Carly« Shay), Jennette McCurdy (als Samantha »Sam« Puckett) und Nathan Kress (als Fredward »Freddie« Benson) die Hauptrollen spielen, spielt der Charakter Freddie für Carly und Sam die Rolle des technischen Handlangers für ihre Webshow. Indem er Carly hoffnungslos aus der Ferne anschmachtet, sieht er sich ununterbrochen verbalen wie physischen Attacken von seiten Sams ausgesetzt, die unbestreitbar jenseits der Grenze zu Beleidigung, Erniedrigung und eines unverhohlenen Sadismus liegen. Während Sam seine harte technische Arbeit und Versiertheit stets mit einer weitren Folge von Schlägen unter der Gürtellinie quittiert, hält Carly ihn mit ein wenig Augengeklimper und zuckersüßer Stimme bei der Stange. Freilich interessiert sie sich überwiegend für seine technischen Fähigkeiten, derer die beiden Mädchen bedürfen, um ihre Webshow ausstrahlen zu können, und macht sich, wann immer sich die Gelegenheit bietet (und die bietet sich oft, zumal Freddie beständig von seiner hysterischen, übervorsichtigen Mutter verfolgt und mit allerlei Vorsichtsmaßnahmen drangsaliert wird), ebenfalls über ihn lustig. Damit aber nicht genug: Hie und da kommt das Gespräch in mancher Folge auf das Thema Freundschaft. An solchen Stellen heißt es dann allen Ernstes, Carly, Sam und Freddie seien »sehr gute Freunde«. – ?
Ich weiß ja nicht, wie Ihr es haltet, allein meine Freunde behandle ich nicht wie den letzten Dreck. Ich habe zwar einen recht sarkastischen Humor, aber ich beleidige und demütige meine Freunde nicht ununterbrochen, ich schlage sie nicht oder drohe ihnen, ihnen sämtliche Knochen im Leibe zu brechen. Ich benutze sie auch nicht oder bedanke mich für ihre Hilfe, indem ich sie als »Verlierer«, »Muttersöhnchen«, »Weichei«, »Trottel«, »Streber«, »Würstchen« bezeichne und versuche, sie nach getaner Arbeit möglichst bald loszuwerden.
Ähnlich verhält es sich in der Serie Victorious, deren Hauptrolle Victoria Justice (als Victoria »Tori« Vega) spielt, wiewohl das größte musikalische Talent zweifelsohne bei Ariana Grande (als Cat Valentine) liegt, deren unglaubliche Stimme man unbedingt einmal gehört haben sollte. Die Figur des Robbie Shapiro, gespielt von Matthew H. »Matt« Bennett, hat ein Alter ego, welches sich in seiner Handpuppe namens Rex Powers, die er stets mit sich führt, manifestiert. Rex spricht dabei das aus, was Robbie, der sich von allen Seiten stetigen Spottattacken seiner Mitmenschen ausgesetzt findet, wirklich denkt. Überhaupt manifestieren sich in Rex alle Eigenschaften, welche Robbie in seiner einen, von ihm selbst repräsentierten Persönlichkeit entbehrt: Rex ist selbstbewußt, redegewandt, direkt und durchsetzungsfähig, wohingegen Robbies durch ihn selbst verkörperte Persönlichkeit durch Unsicherheit, Unbeholfenheit, Redeschwäche und Unterwürfigkeit gekennzeichnet ist. In einer Folge der Serie schlägt Robbie aber Kapital daraus, daß er sich seinerseits über die andren mockiert, indem er sie in verfänglichen und außerhalb des Zusammenhanges leicht mißverständlichen Situationen filmt und schließlich im Internet bloßstellt. Die andren empören sich hierüber und drohen ihm allen Ernstes, daß er, wenn er so weitermache, bald keine Freunde mehr haben werde. – ? Seit wann kann man jemandem damit drohen, daß er das, was er nicht hat, verlieren werde? Menschen, die jemanden ständig verlachen und demütigen, bezeichnen sich ernsthaft als Freunde desjenigen, den sie erniedrigen und auf dessen Kosten sie sich amüsieren?
»Die Würde des Menschen ist unantastbar« – ein genialer Streich, solange man sich nur nicht festlegen muß, was dieser Satz eigentlich bedeuten soll. Ebensolange nämlich kann man sich desselben beliebig bedienen und ihn beliebig auslegen, so zwar, daß er ebendas nach sich zieht, wessen man gerade bedarf. Kommt uns dies aber nicht wie die fatale Version eines berühmten Mottos vor?

Anmerkungen
1. Zu diesem Artikel hat mich der Artikel »Nieder mit der Menschenwürde« von Überschaubare Relevanz inspiriert.

2 thoughts on “Die Würde des Menschen wäre unantastbar … ¹

  1. Darüber muss ich leider erst einmal nachdenken. Eigentlich wollte ich mal eben kommentieren. Aber ich befürchte, dass ich mir erst einmal klar werden muss, wie ich argumentieren will.

    (Und wieder scheint eine meiner Überzeugungen zu wanken …)

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