Die Studentin (Teil 1)

Sie ſchritt den vertrauten, nun ſchon ein wenig vom ſich ankündenden Herbſt mit Laub bedeckten Gehweg gedankenverſunken entlang. Keine unebne Stelle, die ihr nicht intuitiv bekannt geweſen wäre, hatte ſich ſeit ihren Tagen als Schülerin, an denen ſie jeden Wochentag und zuweilen auch am Wochenende hier entlanggegangen war, zu den ihr vertrauten hinzugeſellt. Sie ging langſamen Schrittes, da man ſie erſt gegen elf Uhr erwartete und es gerade einmal zehn Uhr und eine halbe Stunde geſchlagen hatte, ihrem Elternhauſe zu, welches nur noch einige hundert Meter entfernt am Ende der Straße in einem ein wenig vor dem Blick von der Straße aus verborgnen Winkel lag. Selbſt wenn der Herbſt hereinbrach, indem ſich die den Straßenrand zierenden Bäume ihres Laubes entledigten, fiel dieſes eigentlich dem äſtehtiſchen Sinn eines jeden Betrachters ſchmeichelnde Fachwerkhaus kaum einem Paſſanten, wofern er nicht ortskundig war, in die Augen. Dieſes Entlegenſein hatte ihr manchmal, als ſie den Kinderſchuhen entwachſen, wie eine Metapher für ihre behütete Kindheit, die ſie in dieſem Hauſe genoſſen, geſchiehnen. Dennoch hatte ſie ſtets etwas unrichtig gedünkt, etwas, was ſie damals, als kleines Mädchen, nicht hatte formulieren, aber um nichts weniger hatte ſpüren können. Materiell hatten ihre Eltern es ihr an nichts fehlen laſſen, und ingleichen hatten ſie ſie ſtets liebevoll behandelt. Es ſchien vielmehr ein Zuviel als ein Zuwenig, welches ſie verſpürt hatte und noch heute ſpürte.
Indem ſie ſo ihren Erinnerungen nachhängend ging, wogten die Spitzen ihres langſchößigen Kleides mit jedem Schritt von einer Seite auf die andre und erzeugten kaum wahrnehmbare Streifgeräuſche an ihrem kleinen Reiſekoffer, den ſie mehr oder minder gleichgültig hinter ſich her zog. Eigentlich trug ſie dieſe ſie allzu altertümlich dünkende Kleidung ſchon ſeit dem erſten Tage an ihrem Studienorte nicht mehr, ebensowenig als ſie das zu altmodiſch geflochtnen Zöpfen friſierte Haar ſo trug, als ſie es heute tat, allein ihren Eltern zuliebe, denen ſie gleich nach monatelanger Abweſenheit zum erſtenmal wieder begegnen würde und die ſie in ebenſolcher Bekleidung am liebſten ſahen, hatte ſie dieſes Kleid aus dem hinterſten Eck ihres Kleiderſchrankes hervorgeholt und war hineingeſchlüpft, wie man in einen Arbeitskittel ſchlüpft, den man nach getaner Pflicht möglichſt bald wieder von ſich zu werfen wünſcht.
Als ſie ſchließlich vor dem Hauſe ſtand, deſſen wundervolles Muſter aus einander durchkreuzenden Linien auf weißem Grund zugleich eine gewiſſe Fragilität ſuggerierte, verweilte ſie noch einen Augenblick, um den Anblick auf ſich wirken zu laſſen, der eine ſubtile Wehmut nach den vergangnen Kindheitstagen in ihr aufſteigen ließ, ehe ſie endlich die Stufen zur Haustür nahm und ſchellte.
Von innen vernahm ſie einiges Stühlerücken und die Stimme ihres Vaters, die etwas verwirrt fragte: »Zu dieſer Stunde ſchon?« Und ſo dauerte es einige Augenblicke, bis ſich ſchließlich eilige Schritte, deren Rhythmus ihr wohlvertraut war, der Tür näherten, um ihr zu öffnen. Karl und Lena, die Hausdiener ihrer Eltern, die ſie von frühſter Jugend an hatten aufwachſen ſehen und jeweils ein gutes Stück zu ihrer Erziehung beigetragen hatten, ſtanden, mit erwartungsvollem und gütigem Lächeln, bereit, ſie zu empfangen. Wiewohl Karl um die Schläfen herum ſchon ein wenig ergraute und neuerdings eine Brille zur Korrektur ſeiner einſetzenden Altersweitſicht tragen mußte, hatten ſich ſeine Geſichtszüge, die ſtets ſein verläßliches, wohlgeſonnenes Weſen unverkennbar widergeſpiegelt hatten, kaum verändert. Er trug zwar itzo den Schnauzer etwas ausgeſchweifter, indem er anſonſten glattraſiert ging, was ihn aber, wie ſie fand, gut kleidete. Die überaus jüngre Lena, von jeher die geſprächigere Partie der beiden, dünkte indes keinen Tag älter geworden zu ſein. Wie üblich trug ſie ihr langes, feſtes, ſchwarzes Haar zu einem typiſchen Hausmädchenknoten gebunden in ihrem Nacken, eher verziert als bedeckt durch eine kleine, weiße Haube, und ihre Zähne, die ſie mit jedem Lächeln entblößte, ſtrahlten in makellosem Weiß, als hätte ſie ein Künſtler gerade eben in ihren Mund geſetzt. Indem ſie ihre Hände gegeneinanderrieb (was ein unverwechſelbares, unverkennbares Zeichen für ihre Freude war, die ihrer natürlichen Herzensgüte entſprang und die ſie noch nie hatte verbergen können, ſelbſt wenn ſie es gewollt hätte), richtete ſie erwartungsgemäß zuerſt das Wort an die Heimkehrerin:
»Carina, Liebes, wir haben dich frühſtens in einer guten halben Stunde erwartet.«
»Nun, ich kann ja noch eine Runde um den Block ſpazieren, wenn euch mein Beſuch ſolch üble Umſtände beſchert«, entgegnete Carina im Scherze, indem ſie ſich, einen Fuß ſchon auf der untren Treppenſtufe, halb zum Gehen wandte und dabei ſuggeſtiv aus den Augenwinkeln lächelte.
»Ach Kind, ſo etwas darfſt du nicht einmal im Scherze ſagen«, klagte Lena geradezu und zog Carina mit ihren durch die Hausarbeit durchaus kräftigen Armen an ihre Bruſt und damit halb zur Haustür hinein. Karl hatte unterdes Carinas Koffer in die Diele gezogen und beiſeite geſtellt.
»Ich freue mich wirklich außerordentlich, euch beide wiederzuſehen«, beſchwichtigte ſie Lena und, ſich aus deren Umarmung löſend, wandte ſich endlich auch Karl zu, den ſie ebenfalls feſt in die Arme ſchloß, bevor ſie noch einen Blick in ſeine weichen, dunkelbraunen Augen warf, in welchen ſich heute nicht bloß Sanftmut, ſondern zugleich Tränen der Wiederſehensfreude abzeichneten, und ihn auf die Wange küßte.
»Carina Annabell Chiara«, ertönte da plötzlich die einen anklagenden Ton vortäuſchende Stimme des Vaters, der ſie ſcherzhaft mit all ihren Vornamen anzureden beliebte. »Wie ich ſehe und höre, erfreut es dich ſo ſehr, unſer Hausperſonal wiederzuſehen, daß du für deine Eltern wohl keine Zeit mehr erübrigen können wirſt?«
»Falls du nicht onhedies vorhatteſt, dir mit Karl und Lena die Zeit deines Aufenthaltes hier zu vertreiben«, ergänzte die Mutter, die, noch indem der Vater geredet, zu den übrigen, die nunmehr Carina umringten, hinzugeſtoßen war.
»So etwas dürft ihr nicht einmal im Scherze ſagen«, rief Carina, Lenas Stimme und Geſte vortrefflich nachahmend, ſo daß ſich alle, ſogar Lena, auf deren Koſten dieſer Scherz ging, die aber niemandem, ſchon gar nicht Carina, etwas übelnehmen konnte und darum nach einem kurzen bekümmerten Blick mit in den Chor einſtimmte, ſich in einem herzhaften Lachen vereint fanden.
»Aber komm, wir wollen in den Salon gehen, wo wir einander in Ruhe das Neuſte berichten können«, ſagte der Vater ſchließlich und, nachdem er ſich, indem er allen ins Geſicht geſchaut, allſeitiger Zuſtimmung verſichert, wandte ſich der großen Ebenholztür zu, die von der Diele in die Wohnräume führte, um den übrigen gleichſam voraufzugehen.
»Du mußt hungrig ſein nach der langen Fahrt, mein Kind«, ſtellte er feſt, ohne ſich nach ihr umzuſehen. »Da wir dich erſt ein wenig ſpäter erwartet haben, haben Karl und Lena noch nicht eingedeckt. Das Eſſen befindet ſich aber zweifelsohne in der Vorbereitung?« Indem er dies ſprach, wandte er ſich mit fragendem Blick nach Karl und Lena um, die, noch indem ſie »ſelbſtverſtändlich« murmelten, ſich zum Gang in die Küche anſchickten.
»Es wird ſogleich angerichtet ſein«, verſicherte Karl mit einem eiligen Diener, dieweil ihm Lena ſchon in die Küche voraufgeilt war.
»Ach, Papa, ich habe dir doch ſchon ſo oft geſagt, daß du nicht ſo ſtreng mit Lena und Karl ſein ſollſt«, warf Carina ein.
»Und ich habe dir ſchon ſo oft geſagt, daß du deinem Vater nicht ſtändig widerſprechen ſollſt«, entgegnete ihr die Mutter.
»Und ich habe dir ſchon ſo oft geſagt, daß du dich nicht einmiſchen ſollſt, wenn ich mit Carina rede«, gab der Vater zurück.
Sie ſahen einander einen Augenblick lang ſchweigend an, ehe ſie wieder in Gelächter ausbrachen. Gleichwohl blieb bei allen ein gewiſſes Unbehagen zurück, weil die Situation trotz aller Heiterkeit ein ernſtes Moment gehabt hatte. Glücklicherweiſe ward dieſe Peinlichkeit alsbald durch Lena und Karl, die zum Abendeſſen einzudecken kamen, hinfortgefegt.

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