Alte Bekannte

Sie liegt auf Gräbern still und schwer,
auf Reisen ohne Wiederkehr,
fällt mit den Schatten aufs Gemüt
und wächst, wo keine Blume blüht;

sie kommt gen Abend, wacht bei Nacht
und wird von Narren tags verlacht,
in warmen Stuben kehrt sie ein,
ihr Atem kalt, ihr Herz aus Stein;

sie kehrt sich nicht an Wunsch und Traum,
durchzieht die Zeit und auch den Raum,
ist alles, was am Ende bleibt:
die altvertraute Einsamkeit.

In demselben Grade, in welchem die Zahl der Menschen, die an einem Orte leben, zunimmt, steigt der Grad der Einsamkeit des Individuums, scheint es. Wo wir Tür an Tür wohnen, sind wir einander ferner und fremder denn je. Manche Menschen haben das Bedürfnis sowohl als das Talent, viele Menschen um sich zu scharen. Allein bei näherer Betrachtung erweisen sich gerade diese Menschen als die einsamsten, weil zumeist mit der Zahl der Kontakte der Grad der Oberflächlichkeit der Bindungen zunimmt. Stets in dem Konflikt, sich zu binden und zugleich ungebunden zu bleiben, wird der Mensch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Diesen Augenblick fürchten die meisten, weil sich herausstellen könnte, daß es nichts zu finden gibt, was man ihre Identität, ihre Persönlichkeit, ihren Charakter nennen könnte. Ständig bestrebt, jede – und sei es nur vermutete – äußre Erwartung zu erfüllen, vernachlässigen die Menschen die Ausbildung einer eignen Persönlichkeit. Und wenn man nicht mit sich selbst zusammensein kann, dann ist man fürwahr – einsam.

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