Über das Recht auf und die Notwendigkeit von gesellschaftlicher Kritik

Zweifelsohne hat es im Laufe der Geschichte großen materiellen Fortschritt gegeben. Insonderheit in der westlichen Hemisphäre geht es den meisten Menschen besser als ihren eignen Vorfahren sowohl denn als Menschen andrer Hemisphären dieses Planeten. Gleichberechtigung der Geschlechter, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit und einiges mehr sind in vielen Ländern erstrer Hemisphäre verankert. So weit, so gut.
Manche Menschen nehmen dies indes zum Anlaß, diejenigen, welche Kritik an unsrer Gesellschaft üben, gleichviel, welche Gesichtspunkte sie dabei aufgreifen, in die Schranken zu weisen. Als Mitglied einer verhältnismäßig privilegierten Gesellschaft dürfe man sich nicht beklagen, weil es einem ebensowohl schlechter ergehen könnte.
Diese Zurechtweisung erfolgt jedoch zu Unrecht, da sie auf einem argumentativen Fehlschluß beruht. Daraus, daß A in Relation zu B mehr oder besser ist, folgt nämlich nicht, daß A tatsächlich viel oder gut ist. So ist zwar, um mit einem einfachen Beispiel zu beginnen, eine Geldmenge von einem Euro mehr im Verhältnis zu einer solchen von einem Eurocent. Allein hieraus folgt nicht, daß ein Euro tatsächlich viel Geld ist. Ebensowenig folgt daraus, daß es Menschen gibt, die mit Schußwaffen bedroht oder gar erschossen werden, daß eine Person, die mit einem Taschenmesser bedroht wird, keinen Grund habe, sich zu beschweren. Endlich folgt auch daraus, daß es verwerflicher ist, eine Person zu töten, die einen beleidigt, als dieselbe zu schlagen, nicht, daß es tatsächlich gut ist, jemanden zu schlagen.
Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu absurd an, daß manche Menschen daraus, daß es beispielsweise Frauen und Armen in unsrer Gesellschaft verhältnismäßig besser geht als in andren Gesellschaften, folgern, man dürfe unsre Gesellschaft nicht kritisieren. Es ist, im Gegenteil, weit über das Recht zu kritisieren hinaus, notwendig, jede Art von Mißstand in einer Gesellschaft zu kritisieren. Daß die Armen in unsrer Gesellschaft relativ zu den Armen Südafrikas oder Brasiliens bessergestellt sind, macht sie nicht weniger arm oder beseitigt gar den Mißstand, daß es überhaupt Arme in einer Überflußgesellschaft gibt. Arm zu sein hat nicht nur zur Folge, materiell weniger betucht zu sein oder daß es teilweise gar am Lebensnotwendigen fehlt, sondern ingleichen, größernteils nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Wer ins Theater oder ins Kino geht oder sich in einem Verein betätigt, tut dies für gewöhnlich nicht einzig um des persönlichen Vergnügens willen, sondern zugleich um gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Herkunft und die finanziellen Mittel, über die man verfügt, darüber entscheiden, wer welchen Bildungsweg nehmen und welchen Beruf ergreifen kann, in der man durch allerhand Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich die Armut systematisch verschärft, gleichsam Arme produziert, ist es, trotz allen relativen Wohlstandes, geboten, Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben.
Ähnliches gilt für die Geschlechterfrage. Einerseits bedeutet es einen enormen Fortschritt, daß Frauen in unsrer Gesellschaft frei einen Beruf, einen Partner – gleichviel, welchen Geschlechtes – und politisch wählen dürfen sowie daß sie laut Grundgesetz Artikel 3, Absatz 21 den Männern gleichgestellt sind. Sie sind damit in Relation zu den meisten Frauen auf diesem Planeten wesentlich bessergestellt. Andrerseits bedeutet dies keineswegs, daß es keinen Grund mehr gäbe, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren. Zunächst einmal befinden sich Frauen heute in unsrer Gesellschaft in einem Spannungsfeld zwischen einem tradierten Rollenbild und Emanzipation. Statt die Frauen zu befreien, hat die Vermengung beider Bilder – des tradierten wie des emanzipierten – zu einer Doppelbelastung geführt. Die Frau (als ob es so etwas gäbe) soll nicht nur eine vollkommne Hausfrau, Mutter und Geliebte sein, sondern gleichermaßen beruflich Karriere machen. Als ob es damit nicht genug wäre, wird die Arbeit von Frauen, selbst bei doppelter Belastung, selten als gleichwertig mit der eines Mannes anerkannt. Statt dessen gilt vielen die doppelte Belastung als Privileg, die Arbeit außerhalb des familiären Bereichs gilt als Selbstverwirklichungsluxus. Wiewohl sich vordergründig die tradierten Rollenbilder überlebt haben, bestehen sie im Unterbewußten und in der gesellschaftlichen Praxis fort. Allzuoft höre ich beispielsweise, Jungen müßten »ihre natürliche Aggressivität ausleben«, und weil besagte Aggressivität »natürlichen« Ursprungs sei, hätten sie ein »Recht« darauf. Diese Behauptung schließt zugleich ein, Mädchen hätten keine »natürliche Aggressivität« auszuleben, mithin auch kein »Recht« auf aggressives Verhalten. Sie ignoriert geflissentlich, daß wir unsre Kinder zu bestimmten Verhaltensweisen erziehen, so zum Beispiel, indem wir Jungen zugestehen, ihre Meinung auszusprechen und sich aggressiv zu verhalten, während wir Mädchen dazu anhalten, sich möglichst zurückzuhalten und jegliche Art von Frustration in sich hineinzufressen.
Dabei geht es keineswegs darum, tatsächlich vorhandne physiologische Unterschiede zu leugnen oder genetische Tendenzen auszumerzen. Vielmehr ist es darum zu tun, den Zwang der politisch-hierarchischen Geschlechterrollenbilder aufzuweichen. Von konservativer Seite vermag man so weit freilich gar nicht zu denken. So fallen unsre Medien beispielsweise über das einzigartige schwedische Kindergartenprojekt Egalia her, weil es sich nicht den gesellschaftlichen Dogmen der Geschlechtertrennung und -rollenverteilung fügt, sondern diese auf neue Weise zu überwinden sucht. Auf Focus Online findet sich beispielsweise die Argumentation, ein solches Konzept könne die Kinder verwirren, weil sie sich in der Realität außerhalb des Kindergartens nicht zurechtfänden.2 Ebensogut ließe sich argumentieren, daß, weil unsre Kinder überall auf der Welt mit Gewalt konfrontiert werden, wir sie nach Strich und Faden verprügeln und dazu ermuntern sollten, dies ingleichen untereinander zu tun. Andrenfalls könnten wir sie verwirren und sie fänden sich in einer gewalterfüllten Welt nicht zurecht. Warum versuchen, etwas zu verändern und womöglich zu verbessern, wobei man riskiert zu scheitern, wenn man es auch gleich bei den vorhandnen Mißständen belassen kann? Diese Auffassung hat etwas von »Wenn alle andren von einer Brücke springen, hat man zwei Möglichkeiten: ebenfalls springen oder nicht dazu gehören.«
Auch die auf der österreichischen Seite kinderohnerechte angeführte Argumentation Tanja Bergkvists, unterschiedliche Geschlechterrollen seien nicht problematisch, solange sie gleichviel gölten3, verfehlt den Sinn des Projektes. Zum einen geht es gerade darum, daß wir in unsrer Gesellschaft den einzelnen Geschlechterrollen aufnötigen, die mit Erwartungen verbunden sind, die das Individuum weder fähig noch willig ist, zu erfüllen. Zum andren gelten die existierenden, tradierten Geschlechterrollen de facto nicht gleich viel. Frauen bekommen für die gleiche Arbeit, die ein Mann verrichtet, weniger Lohn, Lehrkräften gelten gute Leistungen von Mädchen als von Fleiß herrührend, wohingegen die von Jungen ihnen als intelligenzbasiert gelten. Das von Bergkvist angeführte Beispiel, in welchem sie das Spielen mit Autos mit dem Spielen mit andrem Spielzeug (gemeint sind wahrscheinlich Puppen, wenngleich dies in dem Artikel nicht explizit genannt wird) vergleicht, mutet angesichts dessen lächerlich-ignorant an.
Selbstredend muß es nicht nur erlaubt sein, auch an dieser Art von Projekt Kritik zu üben, sondern es muß, wie jede Art gesellschaftlicher Handlung, einem ausgiebigen Urteil unterzogen werden. Ideale rechtfertigen es nicht, mit zweierlei Maß zu messen. Leider scheitern aber viele großartige Ideen, die zu einer beßren Zukunft führen könnten, an einer unreflektierten, vorurteilsüberladnen Kritik. Solche Kritik zielt nicht darauf, Ideen und Projekte zum Gemeinwohle zu prüfen, indem man sie einer fruchtbaren Diskussion unterwirft, sondern bloß jede mögliche Änderung des status quo mit seiner Verteilung von Privilegien von vornherein zu delegitimieren.
Namentlich hierin aber besteht das zwiefache Wesen der Kritik. Sie ist eine Axt, die man einerseits als Werkzeug, andrerseits aber als Waffe verwenden kann. Ich kann damit Bäume fällen, um Brennholz für die Gemeinschaft zu besorgen, Hindernisse wie wilgewachsne Büsche aus dem Wege Räumen und Schneisen schlagen oder aber allen, die meine Ansichten nicht teilen, den Schädel spalten. Welchen Gebrauch wir welchem vorziehen, bleibt indes einer eignen Kritik zu unterwerfen.

Anmerkungen
1. »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.«
2. Vgl. »Gender-Erziehung. In Egalia sind alle gleich« vom 4. Juli 2011 auf http://www.focus.de/, nachzulesen unter: http://www.focus.de/schule/dossiers/fruehfoerderung/gender-erziehung-in-egalia-sind-alle-gleich_aid_642839.html.
3. Vgl. »Wenn ›er‹ und ›sie‹ Fremwörter sind« vom 4. Juli 2011 auf http://www.jugendamt.ch/, nachzulesen unter: http://www.jugendamt.ch/web/artikel_art.php?artikel_ID=570.

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