Mißverständnisse

Derzeit ergeben sich wieder einmal allerlei Mißverständnisse, denen die notwendigen Kurskorrekturen folgen. So beklagen dieser Tage beispielsweise zunehmend mehr Menschen den angeblichen Abbau von Demokratie und die Mißachtung von Menschenrechten. Anläßlich dessen »empören« sie sich oder rufen gar dazu auf, die Wall Street, Regierungs- und Bankenviertel weltweit zu »besetzen« (»occupy«). Sie fordern dann zum Beispiel, man möge die Großbanken zerschlagen oder den Reichtum gerecht verteilen.
Diesen Mißverständnissen ist leicht abzuhelfen. Zunächst einmal hat man so etwas wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, freie Entfaltung der Persönlichkeit und so weiter und so fort irgendwann einmal schriftlich festgehalten, weil es sich sehr chic ausnimmt, sich so einen Papierfetzen an die Wand zu heften und zu verkünden: »Dies soll mein Leitfaden sein!«. Davon, daß aber irgend jemand, dessen Ansichten und Lebensgewohnheiten von denjenigen, die von der Obrigkeit erwünscht sind, abweichen, tatsächlich Gebrauch werde machen können, geschweige denn dürfen, war niemals die Rede. Von Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichberechtigung der Geschlechter und andrem Schnickschnack zu reden und diese zu lobpreisen, ist wirklich unterhaltsam und lustig und erweckt ein wohliges Gefühl in uns allen. Alles kein Problem! Wenn es aber darum geht, Demokratie zu leben, von gesetzlich verbrieften Grund- und Menschenrechten Gebrauch zu machen, dann hört der Spaß auf!
Dies haben die Griechen nun am deutlichsten zu spüren bekommen. Da wollte sich die Bevölkerung doch tatsächlich verweigern, den Reichen und Mächtigen ihre Spielschulden zu erstatten! In solchen Fällen kann man dann leider nicht einmal mehr die Scheindemokratie aufrechterhalten. Statt dessen setzt man – gezwungnermaßen (selber schuld!) – jemanden ein, »der sich damit auskennt«. Alle guten Eltern kennen diese Erziehungsmethode: »Du bleibst so lange in deinem Zimmer, bis du gelernt hast, dich anständig zu benehmen!« Immer diese lästigen Rotzgören!
Wo kämen wir schließlich auch hin: Man stelle sich eine Gesellschaft auf Augenhöhe vor, freie, gleiche Menschen, die nicht konkurrierend, sondern solidarisch miteinander lebten … Welch schauderhafte Vorstellung!
Gut nur, daß unsre Despoten solch grauenhafte Szenarien durch Zuckerbrot und Peitsche zu verhindern wissen. Lobet die handzahme Gesellschaftskritik, welche die Wut der Untergebnen ins Meer kanalisiert, und beleget die wahrhaften Aufbegehrer mit Repressalien! Divide [copiam] et impera [populo]!

2 thoughts on “Mißverständnisse

  1. Wenn es nicht so bitter wäre und sich mir in jeder mir erdenklichen und erfühlbaren Weise als zu bejahender Status quo verschlösse, könnte ich beinahe darüber lachen. Lachen ist öfter ein Zeichen von Hilf- oder Ratlosigkeit als von Fröhlichkeit. Das diplomatische Lächeln oder gar Lachen ist freilich auch weit verbreitet.

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