Der neue Gott

Denn alle Herztonworte fallen sterbensgroß zu deinen Füßen,
von Scherbensilben urfreudiger Sonnenhand erdrückt.
Gar alle Städte dieses Reiches wollten ehrwürdig begrüßen
die Königin, die sich mit niedrer Götter Häuten schmückt.

Von glanzzeitlos dekadenhaften Kriegen bis zu den Äonen,
was deiner Machtergreifung auf dem Fuße folgen muß,
wird eine Zeit der harten Arbeit, nicht um jemanden zu schonen –
die Peitschenhiebe deiner Sklaventreiber sind Genuß.

Im Schweiße unsres Angesichts errichten wir dir Turm und Tempel,
koloßmonströse Monumente, dir allein geweiht.
Und alles, was da kreucht und fleucht im Reich, bekommt nun deinen Stempel:
vom Unrat unsrer alten Götter sind wir nun befreit.

»Blasphemiker verbrennt in meiner Heiligtümer großen Hallen,
damit es sie gar scherbenreich und tränenschwer gereut,
wenn seelenlos sie in den Abgrund zu den alten Göttern fallen,
so daß fortan sich jeder andre Lästrer davor scheut!«

Im Laufe der Geschichte haben verschiedne Gruppen von Menschen verschiedne Götter angebetet. Mit den Eroberern kam zumeist auch deren Religion, die bewußte Bekehrung erreichte ihren Höhepunkt schließlich im missionarischen Christentum. Allein, gleichviel, welche Religion gerade über die Menschen gebietet, welche Götter sie verehrt und welche Ge- und Verbote sie aufstellt – das wahre Antlitz ist stets eine häßliche Fratze, ein vielköpfiges Ungeheuer, das als willfähriges Werkzeug in den Händen derer fungiert, die sich Macht und Privilegien sichern wollen. Mit gespaltner Zunge spricht diese Schlange, die das Paradies verspricht und nichts als Verderben bringt, in deren Sprache die Lüge zur Wahrheit wird und die Wahrheit als verboten gilt. Ihre Apologeten werfen sich mit allen erdenklichen rhetorischen Kunststücken in die Bresche, um ihre Greuel zu leugnen, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht, und bezichtigen ohne jeden Gewissensbiß ihre Kritiker dessen, was sie selbst allezeit verbricht. Eben hier liegt der Berührungspunkt zwischen Religion und Politik. Letztlich ist beides eines, denn es geht nicht darum, was ist, sondern darum, was sein soll. Widerstreitet die Wirklichkeit dem gewünschten Bilde, so ist dies um so schlechter für die Wirklichkeit. Vor jedem religiösen Bilde, jeder religiösen Versammlung und jeder religiösen Schrift steht ein unsichtbares Schild: »Wahrheit & Wirklichkeit: Wir müssen leider draußen bleiben!«

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