Alltagsdummheit oder Wahnsinn am laufenden Band

Man schließt zu sehr und zu oft von sich auf andre. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich über die Dummheit andrer Menshen aufrege – was ironischerweise selbst dumm anmutet, da ich es ja eigentlich besser weiß oder zumindest besser wissen müßte. Trotzdem verzweifle ich oft genug daran, wie unfaßbar dumm viele Menschen sind. Das fängt schon bei Kleinigkeiten im Haushalt an. Wenn der Computer oder die Kaffeemaschine nicht gleich anspringen, rufen die Leute den Elektriker oder jemanden, von dem sie meinen, daß er sich damit auskenne, nur damit er oder sie dann feststellt, daß mit den Geräten alles in Ordnung ist. Ja, hätte man die Geräte nur an den Strom angeschlossen … Dann stehe ich, nachdem ich die allenthalben aufgestellten Lockregale mit irgendwelchem Süßkram, der überhaupt nicht an diese Stelle gehört, ignoriert habe, statt sie anzuzünden, wie es sich gehörte, im Supermarkt an der Kasse und habe es eilig. Es geht gut voran, die Kassiererin tut ihr Bestes und zieht die Artikel über den Warenscanner, daß es nur so eine Freude ist. Plötzlich jedoch steht sie auf und verläßt mit einem klitzekleinen Bündel Obst oder Gemüse die Kasse. Wie zu erwarten, hat wieder irgendein Trottel oder irgendeine Trotteline das Fitzelchen Obst oder Gemüse, das höchstwahrscheinlich noch nicht einmal einen Euro kostet, nicht abgewogen, so daß nun die Kassiererin dies nachholen muß und der gesamte Kassenbetrieb lahmgelegt ist. Die Stauverursacherinnen und Stauverursacher stammeln dann irgend etwas von »Tut mir leid …« vor sich hin und schieben als Rechtfertigung ein »Das is’ ja auch überall anders!« hinterher. Nein, es ist nicht überall anders. Es gibt genau zwei Varianten: Entweder man muß Obst und Gemüse selbst abwiegen, was schon an der Nummerierung der Artikel und den Einzeltasten für jede Ware an der Waage mit überdimensioniertem Tastenfeld deutlich wird, auf dem sogar noch für jedes beschissene Teil ein Bild steht, so daß selbst ein Kleinkind, das mit der Faust darauf schlägt, das richtige Feld trifft; oder aber Obst und Gemüse werden an der Kasse abgewogen, weshalb es nur eine Kontrollwaage gibt, die mit einem Schild versehen ist, auf welchem man mit extra großen Lettern auf eben diese Tatsache hingewiesen wird. Aber da es in Deutschland eine bedeutend größre Dunkelziffer von Analphabeten gibt, als man insgemein denken sollte, ist die Ursache hierfür wohl anderswo zu suchen – zum Beispiel im auf diesem Weblog von mir bereits überschwenglich gelobten Bundesbildungsministerium, in welchem Annette Schavan täglich auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler die systematische Verdummung der deutschen Bevölkerung plant, um die Ergebnisse dann als Erfolge zu feiern. Die Erfolge bleiben tatsächlich nicht aus, denn es gibt genug Menschen, die immer noch ernsthaft glauben, daß diese Leute tatsächlich arbeiteten oder daß Angela Merkel tatsächlich auch nur im geringsten eine Ahnung von dem hätte, was sie gerade tut.
Wenn ich dann vom Supermarkt zurück nach Hause fahre, ist der nächste Ärger bereits vorprogrammiert. Offenkundlich haben die meisten Leute nicht die geringsten Kenntnisse, wie man ein Automobil bedient oder sich an die Verkehrsregeln hält. Dazu gehört nämlich nicht nur, Dinge zu unterlassen, die verboten sind, sondern auch, Dinge zu tun, die geboten sind. Manche schaffen es noch nicht einmal bei besten Wetterverhältnissen – minimales Verkehrsaufkommen, gut ausgebaute, optimal einsehbare Straße, Sonnenschein ohne Regen – über längere Strecken die vorgegebne Höchstgeschwindigkeit zu erreichen oder wenigstens gleichmäßig schnell zu fahren. Sofern es keinen Grund dafür gibt, darf man nämlich auch nicht wesentlich unter der vorgegebnen Höchstgeschwindigkeit bleiben. Wenn dann jemand unter Optimalbedingungen wochentags auf einer Straße mit einer vorgegebnen Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern mit einer Tachogeschwindigkeit zwischen 40 und 50 Stundenkilometern dahingondelt und es nicht einmal über eine grüne Ampel schafft, geschweige denn, sobald die Ampel grün wird, vor der er oder sie angehalten hat, weil sie so aussieht, als könnte sie irgendwann innerhalb der nächsten zehn Sekunden rot werden, innerhalb von fünf Sekunden loszufahren, geht mir ein ums andre Mal der Hut hoch. Selbstredend lassen sich diese Verkehrshindernisse auch nicht überholen, da die übrigen Spuren von irgendwelchen andren Schleichern blockiert werden. Und nimmt mir jemand die Vorfahrt oder den Vorrang, zum Beispiel wenn er oder sie rückwärts ausparkt, wiewohl die Straße auch vom Straßenrand vollständig einsehbar ist, oder wenn sich jemand auf der Linksabbiegerspur einordnet, um dann ohne jede Vorwarnung geradeaus zu fahren und mich beihnahe zu rammen, hat er oder sie zumeist noch den Nerv, mich mit Ton oder Licht oder gar beidem anzuhupen.
Endlich zu Hause angekommen, übe ich mich selbst in der nächsten Dummheit, indem ich allen Ernstes glaube, nunmehr nicht länger mit irgendwelchem Unsinn belästigt zu werden. Ich öffne also eines meiner vielen, zu verschiednen Zwecken eingerichteten E-Mail-Postfächer, weil mir angezeigt wird, daß ich neue Nachrichten hätte. Zwar arbeiten die Spam-Filter mittlerweile ziemlich gut, allein ich muß doch hie und da in den Spam-Ordner schauen, weil leider doch die eine oder andre Nachricht, die im Posteingang landen sollte, irrtümlich im Spam-Ordner gelandet ist. In den meisten Fällen will aber wieder nur Herr oder Frau XYZ das Vermögen eines seiner oder ihrer verstorbnen Klientin oder Klienten andrehen, oder man weist mich einmal mehr darauf hin, daß ich mein Liebesleben dringend mit garantiert funktionierende Penisverlängerungen und Viagrapillen aufbessern muß. Ja, wie soll ich auch anders mithalten, wenn inzwischen jeder mit einem 30-cm-rund-um-die-Uhr-Ständer durch die Gegend läuft und vor lauter Coitus und Ejakulationen nicht nur Gefahr läuft, vollständig zu dehydrieren, weshalb er am ambulanten Dauertropf hängt, sondern sich zugleich jede Art von Sport spart?
Genau in diesem Augenblick, als ich gerade dabei bin, mein frisches Obst, von dem ich jeden Tag mehrere hundert Gramm verzehre, zu essen, läuft im Fernsehen wieder ein Werbefilm, der mich darauf hinweist, daß ich demnächst unbedingt diesen und jenen Drink erstehen müsse, weil es so schwierig sei, genügend Obst und Gemüse am Tag zu sich zu nehmen. Daß ich weiß, daß die Vitamine, die dieses Zeug enthält, von meinem Körper wesentlich schlechter aufgenommen und verwertet werden können als aus frischem Obst und daß das verdammte Zeug zudem noch nachgerade lächerlich überteuert ist, trauen mir die Macher dieser Werbung nicht zu. Manchmal übertreiben sie den Unsinn zusätzlich, indem sie verlauten lassen, es sei »wissenschaftlich nachgewiesen«, daß Produkt ABC dies und jenes »verbessern kann«. Wer die Sprache der Wissenschaft kennt, weiß: Eine Formulierung mit dem Auxiliarverb »kann« bedeutet, der kausale Zusammenhang zwischen der Einnahme einer Substanz und einer danach beobachtbaren Reaktion ist weder nachweisbar noch auszuschließen. Die Korellation zweier Phänomene P1 und P2 garantiert nicht, daß auch ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden besteht, gleichviel, in welche Richtung.
Falls ich, wie es bisweilen geschieht, vergessen habe, die Glotze auszuschalten oder wenigstens das Programm zu wechseln, belehrt mich Galileo wieder einmal, daß man aus jedem Verdacht eine Tatsachenbehauptung machen kann. Wofern ich mitkriege, welchen Unsinn die Sendung aktuell verbreitet oder welches Cliché sie derzeit zu bedienen sucht, mache ich mich innerlich darauf gefaßt, beim nächstenmal von einem meiner Schüler darauf angesprochen zu werden, so daß ich wieder wertvolle Unterrichtszeit damit verbringen muß, den Unsinn, den sie aufgeschnappt haben, aus ihren Köpfen zu entfernen und durch eine adäquatere Darstellung des jeweiligen Themas zu ersetzen.
Hin und wieder kommt noch jemand, um mir zu erzählen, daß ich an Jesus und Gott und wen oder was immer sonst glauben müßte, um errettet zu werden, und daß Homosexualität eine Sünde sei (ich bin zwar nicht homosexuell, aber damit liegen einem diese selbstauserkornen Missionare ja doch immer im Ohr), weil Gott das nun einmal so bestimmt habe – denn man kann sich ja aussuchen, woran man glaubt oder wie man sexuell orientiert ist –, und der nächste Querkopf schilt mich, ich sollte mich nicht so antikapitalistisch äußern, es gehe uns doch gut – klar, wenn’s dir gut geht, muß es auch allen andren gut gehen, is’ doch logisch! Wenn da nur nicht immer diese lästigen Tatsachen wären, die das Gegenteil aufzeigen und die man mit seinen Vorurteilen, seinem Wunschdenken und aller Propaganda einfach nicht vollständig zu beseitigen vermag …
Bevor ich mich abends endlich schlafen lege, freue ich mich schon auf den ganzen Unsinn und all die Dummheit, die mir am nächsten Tag in genau derselben Form, zum Teil von denselben, zum Teil von andren Darstellern geboten werden wird. Und da wundert man sich noch, daß es so viele Amokläufe gibt. Ich dagegen kann das verstehen. Ich kann das manchmal wirklich gut verstehen!

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