Magengeschwüre

Auch im stillen liegt so manches wohl im argen:
kein Wipfelrauschen ohne Wind und Blätter.
Die Liebe strandet nicht auf weißen Himmelsschlössern,
nur die Tollheit labt sich dran, wird fetter.
Und kämen Menschen auch von ihren hohen Rössern,
läg die Erinnerung mir allzuschwer im Magen.

Abseits und versteckt gelegen,
kriecht ein Blindes aus dem Schatten,
wandelt auf den Abendwegen,
will nicht auf dem Sprung ermatten,
hüpft zuweilen frohen Mutes
unergründlich heißen Blutes.

Wiegt sich mit den Felsgesängen,
liegt nicht still, nur angst und bange,
flüchtet sich zu Meeresengen,
windzerschnitten jede Wange,
schwarzes Blut gibt klare Tränen,
weiß sich sicher nie zu wähnen.

Und im stillen liegt so manches noch im argen:
die Wipfel rauschen nur bei Wind mit Blättern.
Die Liebe reitet oft auf schwarzen Schlachtenhengsten,
sie riecht nach Tod und Elend, ihren Vettern.
Und kommen wir auch frei von unsren größten Ängsten,
liegt die Erinnerung uns allzuschwer im Magen.

Hinter der Stirn liegen die Gedanken unbegriffen, unausgesprochen und unaussprechlich. Nur die alte Wehmut und ihre Schwester Zeitlang erzeugen hie und da die Illusion der klaren Worte, die gar wohl begreiflich wären. Ich liebe dich nur, wie dich meine Worte machen, unendlich getrennt von deinem Sein. In Wahrheit hab ich dich zertrümmert und nach meinen Wünschen neu kreiert. Abscheu ist noch gar kein Ausdruck. Widerwärtigkeit und Sein sind eins.

2 thoughts on “Magengeschwüre

    • Vielen Dank, liebe Lea!

      Ich wünschte, ich könnte Dir Deine Frage zufriedenstellend beantworten, allein höchstwahrscheinlich kann ich es nicht. Zumeist ist es ein Wort, ein Reim, eine Phrase oder ein Satz, die mir einfallen, und zwar aus den verschiedensten Situationen heraus. Diese schreibe ich dann sobald als möglich auf, und der Rest ergibt sich daraus. In den seltensten Fällen vollende ich etwas, was ich unterbrochen habe, zu einem spätren Zeitpunkt, weil es sich dann für gewöhnlich nicht mehr nahtlos an das übrige anfügt. Ich richte grundsätzlich den Anspruch an mich selbst – gleichviel, was andre davon halten mögen –, daß das, was ich schreibe, sozusagen aus einem Guß ist.
      Ich schreibe, wie es wohl jede Person, die schreibt, tut, über das, was mich beschäftigt und bewegt, über Rationales mithin wie über Emotionales. Wiewohl es zutrifft, daß alles, was jemand schreibt, einen autobiographischen Kern hat, sind die meisten meiner Texte, wofern nicht anders gekennzeichnet, überwiegend fiktional. Die Wechselfälle des Lebens verbinden sich mit Träumen und Alpträumen, mit eignen und fremden Perspektiven ebensosehr als mit Vergangnem, Gegenwärtigem und Zukünftigem.
      Insonderheit schreibe ich aber über das, was ich am meisten verabscheue und am meisten liebe: Menschen und das Menschsein als solches. Menschen sind unheimliche Wesen. Hinter der Stirn eines Menschen liegt das Reich der Ängste, des Terrors, der Zerstörung, die uns unbegreiflich und fern dünken, aber stets nur einen Steinwurf entfernt sind. Der Wahnsinn ist nichts, was einen packt, ergreift oder schüttelt. Er ist nur eine bestimmte Kombination von gedanklichen, gefühlsmäßigen und handlungsorientierten Schritten, die wir für absurd halten, solange es nicht unsre eignen Schritte sind. Nur in den seltensten Fällen scheint ein Licht aus der verworrenen Finsternis des Menschseins, und das ist womöglich das einzige, was mich vorwärtstreibt. Welchen Grund hätte ich abseits dessen, zu schreiben? Wovon lohnte es sich abseits dessen zu schreiben?
      Bald ist das Schreiben einfach Selbstzweck, bald ist es Selbstbetrug, bald ist es Verständigungsversuch, bald Eitelkeit. Und wenn man Glück hat, ist es auch nach einer Weile noch erträglich, es zu lesen.

      Ich hoffe, dies beantwortet Deine Frage wenigstens zum Teil.

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