Jahreszeitenzyklus

Bisweilen kann man die Jahreszeit riechen. Ingleichen kann man sie sehen, fühlen und schmecken. Insonderheit aber im Frühling bereitet einem dies mehr oder minder gute Laune, und man ist plötzlich wieder bereit, sich auf Menschen einzulassen oder sich denselben sogar aktiv zuzuwenden. Man wird optimistisch, und überhaupt scheint nichts unmöglich.
Sobald man aber die Menschen, auf die man sich einzulassen und denen man sich zuzuwenden bereit war, etwas besser kennengelernt hat, kommt in den meisten Fällen recht bald die Ernüchterung. Die meisten Menschen, gleichviel, wie sie sich anfangs geben und wie sie zuerst erscheinen mögen, sind langweilig, dumm, nervtötend, aufdringlich, dreist, geschwätzig, uninteressant, desinteressiert, gleichgültig, unzuverlässig, unehrlich, verlogen, opportunistisch, egoistisch, egozentrisch, hinterhältig, denunziatorisch, verräterisch, leer, unreflektiert, abgestumpft – in einem Wort: verachtenswert.
Da indes der Mensch unliebsame Realitäten verarbeitet, indem er sie schlichtweg verdrängt oder bewußt leugnet, wiederholt sich dieselbe – nicht einmal: die gleiche – Misere ebenso zyklisch wie die Jahreszeiten. Was wäre der Einsicht, neben der handlungslähmenden und hoffnungstötenden Wirkung, die sie ohnedies hat, auch abzugewinnen? Und weil es leichter ist, sich selbst zu betrügen und sich romantisierenden Illusionen hinzugeben oder sich an Verklärungen zu klammern, als an der entzauberten Welt zu verzweifeln, tut der Mensch eben dies.

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