Endzeitlos

Manchmal wünschte ich, mir könnte alles ein wenig gleichgültiger sein. Manchmal wünschte ich, nicht jeder Gedanke wäre ein Stich in meinem Kopf und nicht jedes Gefühl wäre ein Schleier, der sich vor meine Wahrnehmung legt und alles zu einem einzigen, undurchdringlichen Nebel verschwimmen läßt. Allein gleichviel, wann und wo, wie und mit wem etwas geschieht, solange es mit Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Tod und menschlichem Zusammenleben überhaupt zu tun hat, rührt es mich doch an, wie sehr oder wenig ich auch bereit sein mag, mich darauf einzulassen. Und gleichviel, wie viele Gedanken und Gefühle es bereits sein, wie viele Universen bereits in meinem Kopf existieren, enstanden und vergangen sein mögen, es bleibt doch immer noch Platz für mehr, und immer mehr kommen hinzu, ohne abzureißen. Keine Beschäftigung, keine Liebe, kein Mensch, keine Religion und kein Gott vermögen diese Leere auszufüllen, in der ich treibe ohne Unterlaß, von alters her und bis zum bittren Ende in Dunkelheit, die nicht tausend noch aber Tausende Sonnen zu erleuchten vermöchten. Die Menschen kommen und gehen, einzig ihre Gesichter bleiben stehen, sie verblassen nicht, nicht einmal die Namen, und mit jedem Gesicht verbindet sich eine Geschichte, die in Pein und Schmerz und in tiefster Reue endet. Sie treiben an mir vorüber wie ein endloser Fluß, von dem niemand weiß, wo er entspringe oder in welches Meer er münde. Dies sind meine Dämonen, keine finstren Phantasiegestalten, keine gefallnen Engel, kein Teufel und kein Gott haben sie geschaffen oder geschickt. Sie sind von ganz allein zu mir getrieben, und jeder von ihnen hat mir eine weitre Bürde auferlegt, den Fluch der Erinnerung. Denn Wunden verheilen niemals; sie werden lediglich von Narbengewebe überwuchert, welches doch zerreißen muß wie Papier, macht jemand ernsthafte Anstalten, darunter zu sehen. Und aus eben diesen offnen Wunden blute ich unentwegt in den Fluß der Verdammnis, der meine Dämonen gebiert, die sich unentwegt an diesem meinem schwarzen Blute laben. Und diese Spirale des Verderbens wird nicht eher einhalten, als ich vollends das Bewußtsein verliere und als Asche in das Wasser zurückkehre, aus dem das Leben einst gekommen. Nein, an Tagen wie diesem gibt es keine Hoffnung.

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