Novemberschnee

»Bitte schenk mir reinen Wein ein!« beharrte Isabella, ihr Glas mit beiden Händen umfassend.
»Ich hab nur Wasser da«, bemerkte Anton trocken und mit ebenso trocknem Lächeln, indem er ihr einschenkte.
»Aber ja doch!« bekräftigte sie.
Sie hob das Glas mit beiden Händen, mit denen sie es, wie es ihre Gewohnheit war, immer noch umfaßt hielt, an den Mund und nahm in kurzer Folge zwei winzige Schlücke zu sich, als hielte sie eine Tasse mit heißem Kaffee oder Tee. Er beobachtete ihre gewohnten Gebärden mit einer halb emporgezognen Augenbraue, fuhr mit den Augen, ohne dabei den Kopf zu bewegen, die feinen, weichen Konturen ihrer unberingten Finger bis zu den sorgfältig, aber weich gefeilten Nägeln nach und begegnete schließlich zunächst noch unverwandt, dann aber doch ein wenig spöttisch ihren großen, klaren Augen, die ihn unschuldig – worin nichts Gekünsteltes lag – über den Glasrand hinweg von unten her anschauten. Er war unschlüssig, ob sie ihn beobachtete und eine Reaktion zu provozieren suchte, oder ob sie tatsächlich bloß abwartete, was er als nächstes tun oder sagen werde. Als sie ihr Glas abgesetzt hatte, deutete ihr weichgezeichneter, harmonisch voll geschwungner Mund ein Lächeln an, welches die Dämmerungsschatten des frühen November aus den Nischen der kleinen, mehr schlecht als recht beleuchteten Küche vertrieb.
»Soll ich dir noch von dem guten Klaren nachschenken?« fragte er ironischen Tones, aber trotzdem in der Absicht, ihr nachzuschenken, falls sie es wünschte.
»Bitte, bitte!«
In ihrer Stimme lag Amusement – ohne Ironie. Die recht belanglose Interaktion schien sie wirklich zu erfreuen.
»Hast du etwas Neues?« fragte sie plötzlich, aber ohen fordernden Unterton.
»Nein. Nein, heute nicht«, sagte er wegwerfend. »Es ist mir nicht danach.«
»Ich glaube, du hast etwas Neues«, sagte Isabella bestimmt.
»Nein. Nein, ich habe heute nichts Neues. Heute nicht.«
»Du hast etwas Neues, und ich will es hören«, erwiderte Isabella, als hätte sie seine Worte nicht gehört.
»Ich habe etwas«, sprach er schließlich in einem neuen Ton. »Aber es ist nicht neu.«
»So?« fragte sie rhetorisch, indem sie sich aufrichtete, beide Brauen über den interesssegeweiteten Augen emporzog und die sich rundenden Lippen deutlich zum O-Laut spitzte. Bei jedem andren Menschen hätte diese Gebärde übertrieben ausgesehen, nicht aber an Isabella. Überhaupt lag in ihren Zügen nie etwas Übertriebenes – beinahe so, als hätte die Natur in ihr das vollkommne Maß aller Mimik abgelegt, um später wieder darauf zurückgreifen zu können.
»Nein, es ist nicht neu.«
»Aber dann hast du es mir doch schon einmal vorgelesen!« protestierte Isabella.
»Nein, habe ich nicht. Vorgelesen habe ich es dir ganz bestimmt noch nicht.«
»Du hast etwas Neues und willst mich bloß aufziehen«, sagte sie halb bestimmt, halb beleidigt.
»Teuerste Isabella, ich versichre dich, ich habe es dir noch nicht vorgelesen.«
»Du hast also etwas Neues und etwas Altes, was du mir bisher vorenthalten hast!« stellte Isabella fest.
»Aber nein!«
»Anton!«
»Isa?«
Sie hatte das Gesicht abgewandt, die Arme vor der Brust verschränkt, indem ihr eine Strähne ihres nach unten hin leicht gewellten, rotblonden Haares vor den blaßblauen Augen hing.
»Ich gehe.«
»Nein«, sagte er sanft. »Nicht, Isa.«
Sie war im Inberiff, sich zu erheben, als er sanft seine Hand auf ihre legte, weder bittend noch bestimmend – versöhnlich.
»Nun?«
Sie sah ihn an, ohne seine Berührung abzuschütteln. Diesmal hatte ihr Blick nichts Spielerisches, sie war ernst. Es wirkte beinahe unheimlich, sowenig stand es ihr zu Gesicht.
»Isa. Isa! Du kennst mich.«
Indem Anton dies sagte, führte er Isabellas Hand, der er zuvor seine aufgelegt hatte, um sie daran zu hindern, zu gehen, zu seinem Herzen.
»Du kennst alle meine Geschichten.«
»Ja.«
»Jedes einzelne Wort.«
»Ja.«
»Und ich habe nie etwas vor dir verheimlicht.«
Sie senkte den Blick.
»Ich weiß.«
»Weil ich dir vertraue.«
»Ich weiß.«
»Und niemanden mehr respektiere als dich.«
Da sah sie ihn wieder mit ihren großen Augen an.
»Und nun habe ich etwas, was nicht neu ist, was ich dir aber noch nie vorgelesen habe.«
Daraufhin griff er nach seinem besten Füllfederhalter, nahm einen Bogen Papier und notierte etwas in sorgfältigen Lettern darauf. Anschließend saß er einen gedehnten Augenblick lang mit prüfendem Blick darüber. Schließlich nickte er zufrieden mit dem zu Papier Gebrachten, faßte den Bogen am rechten untren Rand, wandte sich um und reichte ihn Isabella dar. Indem sie den Bogen mit beiden Händen auf den Schoß gesenkt an den untren Enden hielt, bemerkte sie:
»Aber das sind ja nur drei Worte!«
»Na ja, strenggenommen sind es vier, Isa.«
»Ich hab mir aber einen Roman gewünscht.«
»Ich glaube, ich werde genug Zeit haben, ihn dir zu erzählen. Schau mal!«
Er deutete aus dem Fenster. Draußen fielen die ersten Schneeflocken.

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