Gratwanderung

Den Abendnebel auf der Brust,
ehern und von Fäulnis schwanger,
ward zum Sittenstrolch aus Frust,
steh drei Tage schon am Pranger.

Aufgeweicht, doch nicht verderbt,
schimmelbleich, doch nicht zerschunden,
Wasserwein mit Blut gefärbt,
zwengt sich mühsam durch die Wunden.

Aus tiefstem Wald zum Wegesrand,
staubbenetzt und unvergeben,
aufgefräßt bis zum Verstand,
Unrat nagt an allen Streben.

Weißt du noch, der alte Pfad?
Greisenleicht, sich zu verirr’n.
»Liebe ist ein schmaler Grat«,
sag ich und küß dir die Stirn.

Ein einziger lichter Augenblick in Äonen von Ekel, Fäulnis und Verderben. Überwunden? Nein. Vergessen? Wohl kaum. Nur ein kurzes, unbedeutendes Sich-Erheben, einem Zucken gleich, wider das Unvermeidliche. Untergang mit Abgesang. Wenigstens nicht kampflos. Und – vielleicht – nicht restlos allein.

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