Von »Transparenz« und andren Worthülsen – Teil II

Die öffentliche Aufmerksamkeit mag sich nicht von Christian Wulff, seines Zeichens Bundespräsidialamtsbekleider – euphemistisch auch als »Bundespräsident« bezeichnet –, abwenden. Manche hätten ihm »die Courage zugetraut, zurückzutreten«. Andre meinen, er habe seine Fehler nicht eingesehen. Zum einen muß ich an dieser Stelle fragen: Glaubt irgend jemand wirklich, daß Politiker, die hohe Ämter bekleiden, so etwas wie Courage hätten? Wenn sie Courage hätten, ein reines Gewissen und ein reines Herz, wären sie nicht dort, wo sie sich heute befinden. Daß Christian Wulff nicht zurückzutreten gedenkt, dürfte zum andren insonderheit darin begründet liegen, daß er nichts getan hat, was ranghohe Politiker nun einmal tun: lügen, betrügen, bestechen, bestechen lassen, Vetternwirtschaft betreiben und die Augen schließen. Ein Skandal ist das sicherlich nur für diejenigen, welche das perfide, perverse Gesellschaftssystem, das den ganzen Erdball umspannt, weil alle Menschen in allen Ländern davon betroffen sind, und in welchem wir leben, noch nicht durchschaut haben. Aus diesem Blickwinkel muß man nachgerade feststellen, daß Christian Wulff das System bestens – gar vorbildlich – repräsentiert. Es geht nicht um das Wohl aller, es geht nicht um Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, es geht nicht um Vertrauen und Gerechtigkeit. Es geht statt dessen darum, die Privilegien der Reichen und Superreichen, deren Profitgier längst zu reinem Selbstzweck verkommen ist, zu wahren beziehungsweise auszuweiten. Selbstredend macht es keinerlei wirtschaftlichen Sinn, den Reichtum der Reichsten noch weiter zu vermehren, denn ausgeben können sie das Geld, in welcher Form immer, schon lange nicht mehr. Aber was soll man auch andres tun, als weitren Reichtum – real oder irreal, womöglich surreal? – aufzuhäufen, wenn man ohnedies alles besitzt und darum kein Ziel mehr vor Augen hat, auf das man zuarbeiten könnte?
In denjenigen Kreisen, in welchen Christian Wulff verkehrt, ist das, was er getan hat, üblich. Warum sollte er also ein schlechtes Gewissen haben oder darüber nachdenken, zurückzutreten? Niemand entschuldigt sich für etwas, was zu seinen oder ihren alltäglichen Gewohnheiten gehört. Dies ist erst recht der Fall, wenn man in hohen Politiker- und Wirtschaftskreisen verkehrt, wo man nur besteht, indem man sein Gewissen – wofern man überhaupt jemals ein solches gehabt hat – getötet und die Leiche desselben unter der erdrückenden Last der Widerwärtigkeit seiner kontinuierlich zerstörten intellektuell-emotionalen Integrität verscharrt hat.
In einem Motörhead-Stück heißt es, ‘Monsters rule your world, / Are you too scared to understand?’.1 Allein dies trifft nicht wirklich zu. Es sind Menschen, die die schrecklichsten Taten, die schlimmsten Verbrechen begehen, die größten Grausamkeiten ausüben. Auch Christian Wulff ist ein Mensch, ebenso wie Angela Merkel ein Mensch ist, wie es Adolf Hitler war, José Ramón (Augusto) Pinochet, Iosif Wissarionowich Dzhugashwili (Stalin) und viele mehr. Man muß, um Menschen und andre Tiere foltern, vergasen, erschießen, vergiften oder anderweitig quälen oder töten zu lassen, nichts Besondres sein – Mensch zu sein reicht völlig aus. Dawider hilft alle Empörung nicht, alles Aufhebens, das man darum machen mag, wird im Sande verlaufen, gleichviel, ob es sich um Trivialitäten wie Kreditvergaben oder Verbrechen im großen, historisch bedeutsamen Ausmaße wie das systematische Töten von bestimmten Menschengruppen nach beliebiger Klassifikation handelt. Kurzum, wer nur die Symptome bekämpft, wird die Krankheit nicht besiegen. Alle Versprechungen von Besserungen bleiben daher »Leere Worte / An einem toten Tag«.2

Anmerkungen
1. Motörhead: ‘Brotherhood of Man’; The World Is Yours, Track 7; Motörhead Music / EMI Music Services, 2011.
2. Böhse Onkelz: »Leere Worte«; Viva Los Tioz, Track 3; Virgin Records / SPV / rule23 recordings, 1998.

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