Einige Bemerkungen zu meiner Erzählung »Novemberschnee«

Die Erzählung, auf die sich folgende Bemerkungen beziehen, ist hier zu finden.

Die Erzählung »Novemberschnee« verwebt mehrere Motive miteinander. Zunächst ist da die feministische Grundhaltung: In der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen den Protagonisten geht es nicht um Dominanz und Unterwerfung. Beide Charaktere, Mann und Frau, kokettieren mit den traditionellen Rollenbildern beziehungsweise Erwartungshal-tungen an die Geschlechter, ohne diese tatsächlich ernsthaft zu erfüllen.
Das traditionelle Muster einer Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau wird auch dadurch parodiert, daß die Geschichte, wie es scheint, aus der Perspektive eines romantisch an einer heterosexuellen Frau interessierten Mannes erzählt wird. Die Beschreibungen des Äußerlichen und des Verhaltens beziehen sich nahezu ausschließlich auf die Frau und deren Attraktivität.
Nichtsdestoweniger handelt es sich bei beiden Protagonisten um Intellektuelle, die eine eigne Dynamik miteinander verbindet. Dies erhellt schon allein daraus, daß die Erzählung mit einem Witz beginnt, den nur Eingeweihte – in diesem Fall die beiden Protagonisten – verstehen. Erst aus der Retrospektive, d. i., wenn der Leser oder die Leserin die Geschichte ausgelesen hat – bettet sich der Witz, nunmehr auch zu einem ernsten Anteil, in die übrige Geschichte ein.
Die Andeutungen des oberflächlichen Verhaltens erwecken beim Lesepublikum bestimmte Erwartungen, die jedoch nicht erfüllt werden, weil jedes klassiche Verhaltensmuster sich umkehrt oder in einer nicht völlig unvorhersehbaren, aber traditionell und traditionalistisch nicht erwartbaren Reaktion aufgeht.
Wiewohl aus parodistischen Zwecken also sich vordergründig eine klassische Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau entspannt, handelt es sich in Wirklichkeit um die vollkommen ausgewogne, feministische Idealbeziehung zwischen beiden Geschlechtern. Die Ungeheuerlichkeit, wenn man so will, besteht darin, daß die eigentlichen Worte »Ich liebe dich, Isabella«, die Anton gegen Ende der Geschichte auf ein Papier notiert und Isabella überreicht, unwesentlich sind: Isabella ist weder überrascht noch überwältigt, weder peinlich berührt noch entsetzt. Zwischen beiden Protagonisten existiert in der Tat eine solche eigenständige Dynamik, daß beiden völlig klar ist, daß sie einander lieben: Anton weiß, daß er Isabella liebt und daß sie ihn liebt, und Isabella weiß, umgekehrt, daß sie Anton liebt und daß er sie liebt.
Ihre Liebe ist allerdings weder rein freundschaftlicher noch rein romantischer oder gar pathologischer Natur. Statt dessen sind diese Formen der Liebe miteinander – und zwar unentwirrbar – verwoben.
Wenn Isabella am Ende sagt, sie habe sich statt der drei oder vier Worte – je nachdem, ob man ihren Namen mitrechnet, was Anton jedenfalls tut – einen Roman gewünscht, ist das doppelt ironisch: einerseits bedient es das klassische Cliché, Frauen redeten und wollten reden allein um der Worte oder des Redens willen; andrerseits fordert sie Anton auf, die Trivialität der Tatsache in die zwischen beiden reibungslos funktionierende Dynamik zu integrieren, womit beide sich bereits wieder in eben derselben Dynamik befinden beziehungsweise diese niemals verlassen haben.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s