Von »Transparenz« und andren Worthülsen – Teil III

Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Menschen die Worte »(Es) T/tut mir (wirklich/echt) leid« als Floskel verwenden. Es ist, in welcher Variation es auch sei, einer der wenigen Sätze, die mich ungemein ungehalten werden lassen. Darum erwidere ich inzwischen in den meisten Fällen feststellend, »Nein, das tut es nicht.« Glauben die Menschen wirklich, daß es meist nicht offenbar werde, daß ihnen etwas gleichgültig ist?
Allein Lügen und Dummheit – ich kann es nicht oft genug wiederholen – gehören zu den Alltagscharakteristika der Menschheit. Und aus genau diesem Grunde nimmt die mediale Diskussion über Christian Wulff, seines Zeichens (noch) amtierender Bundes-präsidialamtsplatzhalter (von manchen euphemistisch auch als »Bundespräsident« bezeichnet), immer bizarrere Formen an. Da palavern internationale Journalisten daher, in Rußland oder Frankreich oder Italien oder in Pusumukel würde niemals über derartige Affären diskutiert, weil dort niedrigere moralische Standards herrschten. In Deutschland müßten Politiker nachgerade Heilige sein, um ein Amt zu bekleiden.1

Selbstredend ist es verhältnismäßig unbedeutend, wenn ein Christian Wulff jemandem einen Kredit über tausend, zehntausend, hunderttausend oder eine Million Euro zu außergewöhnlich günstigen Konditionen verschafft. Dies ist lediglich ein Symptom des widerwärtigen Systems, in welchem wir leben. Dennoch wird kein Verbrechen durch ein andres gerechtfertigt oder gar gesühnt. Mord ist für gewöhnlich ein schlimmeres Verbrechen als Diebstahl, aber deshalb wird der Dieb nicht freigesprochen oder sein Verbrechen weniger verbrecherisch. Diese Journalisten wollen uns doch nicht allen Ernstes weismachen, daß wir uns um diese Angelegenheiten nicht kümmern sollten, nur weil es in andren Ländern noch schlimmer zugeht? Ebensogut könnte ich jemandem drei Peitschenhiebe verpassen und dies rechtfertigen, indem ich sage, Waterboarding sei schlimmer.
Selbstverständlich müssen Politiker keine Heiligen sein. Es geht doch überhaupt nicht darum, daß Christian Wulff über eine rote Ampel gefahren wäre oder drei Punkte in Flensburg bekommen hat, weil er mit einer Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern geblitzt wurde, wo er nur hätte 50 fahren dürfen. Es geht hier um Amtsmißbrauch. Selbst als Befürworter dieses Gesellschaftssystems kann man daran nichts schönreden, indem man es einfach relativiert. Wenn es sich dabei um eine Lappalie handelt, wo fängt denn dann das zu ahnende Verbrechen an?
Ebenso schwachsinnig ist es, zu behaupten, wenn man den Bundespräsidenten unmittelbar wählen ließe, müßte man ihn mit mehr Macht ausstatten, was jedoch vom Grundgesetz nicht vorgesehen sei.2 Ah ja. Das eine folgt zwar nicht logisch aus dem andren, und das dritte hat damit ungefähr soviel zu tun wie Erdnüsse mit Erdmännchen, aber was soll’s. Man muß ja irgend etwas sagen, was sich irgendwie so anhört, als hätte man schon einmal ernsthaft über die Sache nachgedacht oder als wüßte man, wovon man redet. Immerhin – man muß sich erst einmal soweit von den relevanten Dingen entfernen, daß man allen Ernstes darüber nachdenkt, einen Stuhlwärmer direkt wählen zu lassen, um dann festzustellen, daß dies unsinnig wäre.
Aber, und wenigstens das haben diese Schmalhirne (beinahe) richtig festgestellt, Journalisten werden nicht fürs Denken, sondern für Schlagzeilen bezahlt. Wen wundert’s, wenn sich so gut wie alle bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften in der Hand von zehn Konzernen befinden?

Anmerkungen
1. Sinngemäß so in der heutigen Ausgabe der Sendung »Internationaler Frühschoppen« auf dem Fernsehsender Phoenix zu hören.
2. Ebenfalls sinngemäß so in der heutigen Ausagabe von »Internationaler Frühschoppen« verlautbart.

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