Comment on Ariana Grande’s Article on Bullying

[Scroll down for the English version.]

Den ursprünglichen Artikel, auf den ich mich beziehe, findet Ihr hier.

Liebe Ariana!

Laß mich vorausschicken, daß ich Dein Engagement in dieser ernsten Angelegenheit wirklich schätze, und ich glaube Dir, wenn Du sagst, daß es Dich besorge. Überdies beabsichtige ich nicht, Deine Worte abzuwerten. Es gibt jedoch mehrere Aspekte, die ich kritisch kommentieren muß.
Erstens ist jemand, der einen nicht mag, nicht zwingend ein Tyrann, und, umgekehrt, jemand, der einen tyrannisiert, nicht zwingend jemand, der einen (persönlich) nicht mag. Du scheinst in Deinem Artikel beide Konzepte miteinander zu verschmelzen (oder zumindest zu verwechseln), was Dich zu einigen problematischen Verallgemeinerungen führt. Die Aussagen, auf die ich mich beziehe, sind, zumindest teilweise und für sich genommen, vollkommen wahr, aber in diesem Zusammenhang nicht hilfreich. Es ist zum Beispiel vollkommen richtig, daß es immer Leute gibt, die einen nicht mögen und es aus irgendeinem Grunde nicht tun werden – oder sogar aus gar keinem Grunde. Es ist ebenso richtig, daß niemand, nicht einmal Prominente wie Du, jemals von jedem und jeder auf der Welt geliebt werden werden. Es wird immer Leute geben, die eifersüchtig, boshaft oder einfach innerlich häßlich sind. Allein all dies ist nicht dasselbe als von jemandem tyrannisiert zu werden. Entsprechend der Definition auf oxforddictionaries.com ist ein (sozialer) Tyrann »eine Person, die Stärke oder Einfluß benutzt, um andren, die schwächer sind, zu schaden oder sie einzuschüchtern«.1 Nun sind Leute, die einen nicht mögen, selbst solche, die einem diese Tatsache offen zeigen, nicht notwendig solche, die einem schaden oder dies überhaupt könnten, wenn sie es denn wollten. Andrerseits ist es tatsächlich ein Problem für dich, wenn jemand dich tyrannisiert, weil ein Tyrann einen nicht in Ruhe lassen wird, bloß weil man ihm oder ihr sagt, daß es eigentlich sein oder ihr Problem sei und nicht deines.
Zweitens ist es nicht nur für die heutige Jugend schwierig, »sich wohl genug in der eignen Haut zu fühlen, um nicht auf Leute zu hören, die auf ihnen herumhacken.« Durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch hat es bisher immer Leute gegeben, die »außergewöhnlich verurteilend und engstirnig gegen jeden und jede besondres« gewesen sind. Dies ist ein natürliches Phänomen, allein das Problem besteht darin, daß menschliche Gesellschaften, zumindest in der einen oder andren Hinsicht, verglichen mit der übrigen natürlichen Welt, auf ziemlich einzigartige Weise funktionieren. Menschen sind gewiß vollständig natürliche Wesen, doch in vielerlei Hinsicht sind wir weit davon entfernt, uns selbst und wie das menschliche Gehirn wirklich funktioniert zu verstehen. Darum ist es alles andre als gewiß, daß Tyrannen tun, was sie tun, um von andren gemocht zu werden. Wenn man sie fragt, warum sie ihren Opfern angetan haben, was sie ihnen angetan haben, antworten einige, daß sie es einfach um des Spaßes willen getan hätten. Es gibt in der Tat mehr Psychopathen, als die meisten Leute denken. Ungefähr 3% der Bevölkerung sind Psychopathen, Leute, die per definitionem unfähig sind, aus dem Leiden andrer zu lernen und sich um deswillen nicht um den Schmerz derselben kümmern, aber ansonsten völlig normale Menschen sind.2
Drittens, »Wir müssen uns vor Augen halten, wer wir sind und uns selbst niemals in Frage stellen, wenn jemand andres uns ablehnt.« Zum Teufel, nein! Wenn dies wahr wäre, könnte jeder und jede sich an diese Regel halten, einschließlich Tyrannen und andrer unangenehmer Leute. Bitte schreibe nicht so unbedacht solch unverhältnismäßig verallgemeinernde Sätze! Was wir vielmehr lernen müssen, ist, diejenigen Fälle, in denen wir selbst falsch liegen, von denjenigen zu unterscheiden, in denen andre falsch liegen, was selbstredend eine wesentlich anspruchsvollere Aufgabe darstellt.
Dasselbe gilt für diesen Satz: »Und wißt, daß Ihr so vollkommen seid wie jeder und jede andre, genau so, wie Ihr seid.« Tatsächlich hasse ich Gemeinplätze wie diesen. Ein andrer sagt, »Niemand ist perfekt«, wiewohl niemand wirklich weiß, wie ein »vollkommner« Mensch wäre. Er oder sie wäre wahrscheinlich nicht einmal menschlich. Wir müssen statt dessen erkennen, daß alle von uns Fehler haben, doch dieweil einige davon unabänderlich sein mögen, können und müssen wir an andren arbeiten.
Viertens ist nicht jeder und jede vollkommen. Dies ist etwas, was Leute sagen, weil es nett scheint, in manchen Ohren vielleicht sogar nett klingt, aber letztlich ist es eine Contradiktion (ein begrifflicher Widersinn). Jeder und jede ist zwar ein Individuum, allein Individualität gleicht nicht Besonderheit. Wenn jeder und jede besonders wäre, wäre niemand besonders. Es ist in Ordnung, in keinem Sinne besonders zu sein. Es tendiert indes dazu, ziemlich ägerlich zu werden, wenn Leute, die überhaupt nicht besonders sind, denken, sie seien besonders, und beginnen, sich ständig überheblich zu benehmen. Sei also immer vorsichtig, was Du Dir wünschst!
Meiner Ansicht nach hat sich nicht die Tatsache oder das Phänomen der Tyrannei im Laufe der Geschichte verändert, sondern es ist einfacher geworden, andre zu tyrannisieren. In früheren Zeiten war es nicht möglich, Leuten rund um die Uhr nachzustellen und zugleich anonym zu bleiben. Ferner ist heute jeder und jede damit beschäftigt, sich selbst im Internet zu entblößen, wobei sie zu viele private Informationen ausgeben und es somit Leuten, die ihnen zu schaden wünschen, ermöglichen, zu bekommen, was sie wollen.
Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die Kinder in dem Glauben aufzieht, daß jeder und jede sich um sein eignes Glück kümmern sollte, kraft wessen Selbsucht und Egozentrizität genährt werden. Solange als diese Art des gesellschaftlichen Lebens fortbesteht, wird das Phänomen der sozialen Tyrannei nicht aufhören zu existieren – oder zumindest auf sein kleinstes, unauslöschliches Maß reduziert werden.

Alles Liebe

ichbindaswortistich

Anmerkungen
1. Siehe http://oxforddictionaries.com/definition/bully?q=bully.
2. Vgl. Harris, Sam: The Moral Landscape. How Science Can Determine Human Values, Chapter 2: ‘Good and Evil’, section ‘Psychopaths’, pp. 95–100; New York: Free Press, 2010.

[For the original article I refer to click here.

Dear Ariana,

Let me state beforehand that I really appreciate your commitment to this serious topic, and I believe you when you say that you are concerned about it. Furthermore, I do not intend to disparage your words. There are, however, several aspects on which I need to comment critically.
First, someone who does not like you is not necessarily a bully, and, in turn, someone who bullies you is not necessarily someone who does not like you (in person). You appear to merge (or at least confuse) both concepts (with each other) in your article, which leads you to some problematic overgeneralizations. The statements I refer to are, at least partly and in themselves, true, but not helpful in this context. It is, for instance, perfectly true that there always are people who do not like you and will not do so for whatever reason – or even no reason at all. It is also true that no one, not even prominent figures such as you, will ever be loved by everyone in the world. There will always be people who are jealous, despiteful, or simply ugly on the inside. But all this is not the same as being bullied by someone. According to the definition on oxforddictionaries.com, a bully is ‘a person who uses strength or influence to harm or intimidate those who are weaker’.1 Now, people who do not like you, even those who demonstrate this fact to you, are not by necessity people who harm you, or even could do so if they wanted to. On the other hand, if someone bullies you, it in fact is your problem, since a bully will not leave you alone, simply because you tell him or her that it were actually his or her problem instead of yours.
Second, it is not only hard for today’s youth ‘to be comfortable enough in their own skin to not listen to the people picking on them’. Throughout human history, there have always been people who have been ‘extraordinarily judgmental and closed-minded to anyone different or special’ so far. This is a natural phenomenon, but the problem is that human societies, at least in some or other respect, work in quite unique ways as compared to the rest of the natural world. Humans are completely natural beings, to be sure, yet in many ways we are far from understanding ourselves and how the human brain actually works. Therefore, it is anything but granted that bullies do what they do so as to be liked by others. When asked why they did what they did to their victims, some will answer that they did it simply for the fun of it. There are, in fact, more psychopaths around than most people would think. About 3% of the population are psychopaths, people who are by definition unable to learn from the suffering of others, and therefore do not care for their pain, but are otherwise perfectly normal human beings.2
Third, ‘We have to remember who we are and never question ourselves if someone else disapproves.’ Hell no! If this were true, everybody could stick to this rule, including bullies and other unpleasant people. Please do not write such overgeneralizing sentences so carelessly! What we need to learn is rather to differentiate those cases in which we ourselves are wrong from those in which others are wrong, which is a far more demanding task, needless to say.
The same holds true for this sentence: ‘And know that you are just as perfect as anyone else, exactly as you are.’ Actually, I hate commonplaces like this one. Another one says, ‘Nobody is perfect’, even though no one really knows what a ‘perfect’ human being would be like. He or she would probably not even be human. We rather need to see that all of us have flaws, yet while some of them may be inalterable, others can and need to be worked on.
Fourth, not everyone is special. This is something people say because it seems to be nice, may even sound nice to some ears, but in the end, it is a contradiction. Everyone is an individual, to be sure, but individuality does not equal specialness. If everyone were special, no one would be special. It is all right not to be special in any sense. It tends to get quite annoying, however, if people who are not special at all think they were special and start behaving arrogantly all the time. So always be careful what you wish for!
In my view, not the fact or the phenomenon of bullying has changed in the course of history but it has become easier to bully others. In former times, it was not possible to stalk people all around the clock and stay anonymous at the same time. Moreover, nowadays, everyone is busy exposing him- or herself on the internet, giving away too much private information, and thus enabling people who wish to harm them to get what they want.
Last but not least, we live in a society raising children in the belief that everyone ought to care for him- or herself, in virtue of which selfishness and egocentricity get nurtured. So long as this way of societal life continues, the phenomenon of bullying will not cease to exist – or at least be reduced to its smallest inextinguishable amount.

Love,

ichbindaswortistich

Notes
1. See http://oxforddictionaries.com/definition/bully?q=bully.
2. Confer Harris, Sam: The Moral Landscape. How Science Can Determine Human Values, Chapter 2: ‘Good and Evil’, section ‘Psychopaths’, pp. 95–100; New York: Free Press, 2010.
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