Das perfekte Meme und Amüsantes aus dem Land der Religioten

Ich habe das perfekte Meme gefunden.1 Denn dasselbe denke ich jedesmal, wenn ich jemandem begegne, der oder die nach zwei Sekunden vergessen hat, was ich gesagt habe, und dann aus meinem Standpunkt das macht, was er oder sie hören wollte, um es schließlich zu kritisieren. Dies trifft ingleichen zu, wenn ich wieder einmal feststellen muß, daß ich ein nachgerade vollkommenes Gedächtnis habe, was Menschen, soziale Beziehungen, philosophische Argumentationsgänge und wissenschaftliche Theorien anlangt, mir aber weder Artzttermine noch persönliche Verabredungen zuverlässig merken kann – selbst wenn ich sie mir in meinem Kalendar notiere: Da war doch was … ?

Wenn man dann noch etwas zum Lachen braucht oder einfach nur wieder einmal die Augen verdrehen oder eine Augenbraue heben möchte, kann man sich getrost das widersinnige Gequatsche amerikanischer Religioten – einer der wenigen Neologismen (Wortneuschöpfungen), die mir tatsächlich gefallen – antun. Und damit meine ich nicht etwa Harmlosigkeiten wie die Weihnachtsbaum-Kontroverse, über die ich bereits im vorletzten Artikel berichtet habe, sondern widersinnige Sätze, die nicht einmal oberflächlich den Anschein erwecken, in irgendeiner auch noch so entfernten Weise wenigstens annähernd Sinn machen zu können. Für ein Beispiel par excellence besuche man die Unterseite ‘Christian Love’ auf Jessica Ahlquists Weblog.2 Tom Bauman ergeht sich in einer typischen Haßtirade auf Jessica und die Evolutionstheorie und führt dazu als vermeintliche Evidenz (»evidence«) völlig veraltete Einwände wider die Theorie an. Die verschiednen, wahrlich tugendhaft sachlichen Anmerkungen Jessicas und einiger andrer Kommentatorinnen und Kommentatoren, daß er keine Evidenz, sondern lediglich leere oder längst widerlegte Behauptungen aufstelle – ganz abgesehen davon, daß es im Gesamtzusammenhang weder um Jessicas Person im eigentlichen Sinne noch um das Christentum oder die Evolutionstheorie geht –, tut er einfach ab, indem er den andren (!) vorwirft, seine »zahllosen, unwiderlegbaren Evidenzen, die die (göttliche) Schöpfung untermauern und die Evolution widerlegen«3 zu übergehen und nur »atheistische Propagranda« zu glauben4. Behalten wir dabei immer im Hinterkopf, daß es hier eigentlich um die First Amendment in der Bill of Rights zur Constitution (Verfassung) der Vereinigten Staaten von Amerika geht, die da lautet:

Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.5

Nach gängiger Interpretation heißt dies, daß Staat und Religion getrennt sein müssen. Dementsprechend ist ein Gebet, zudem das einer bestimmten Religionsform, an der Wand einer öffentlichen Schule deplaciert. Jessica Ahlquist hat lediglich von der Schule verlangt, besagtes Gebet zu entfernen. Die Schule entschied sich dafür, die Angelegenheit vor Gericht auszutragen.
Allein Tom hat noch mehr »Evidenz« für seine abstrusen Behauptungen. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, daß 85% der Erdbevölkerung an Übernatürliches glauben.6 Daß dies nicht seinen Standpunkt als Christ stützt, sieht er freilich nicht, ebensowenig als daß dies überhaupt nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat. Die Mehrheit habe recht, behauptet er, und überhaupt sollten nicht die Gläubigen beweisen müssen, daß Gott existiert, sondern die Atheisten, daß Gott nicht existiere7. Genau, und weil früher die Mehrheit der Menschen geglaubt hat, die Erde sei flach, war sie damals auch flach. Erst als die Mehrheit der Menschen geglaubt hat, die Erde sei eine Kugel, wurde sie zu einer Kugel – und dies muß wohl Teufelswerk gewesen sein.
Was selbstredend nicht fehlen darf, ist das Fine-Tuning-Argument.8 Im wesentlichen stellt dieses das Verhältnis zwischen Leben und Welt auf den Kopf. Es ist am plausibelsten, davon auszugehen, daß das Leben sich an die vorgefundnen Bedingungen angepaßt hat. Dem Fine-Tuning-Argument zufolge soll es sich jedoch genau umgekehrt verhalten. Alles sei, so das Argument, ganz genau auf das, was das Leben als Voraussetzungen benötige, eingestellt – selbstredend (und auf keinen Fall: natürlich!) durch einen Schöpfer, der zufällig der christliche oder wenigstens abrahamitische Gott ist. Daß sich die Bedingungen im Laufe der ungefähr viereinhalb Milliarden Jahre, die die Erde nun schon existiert hat, dramatisch verändert haben und weiterhin verändern, so daß bestimmte Lebensformen ausgestorben und andre an deren Stelle getreten sind, spielt da freilich keine Rolle. Ebensowenig tut dies die Möglichkeit, daß sich auf irgendeinem andren Planeten unter wesentlich andren Bedingungen ebenfalls Leben entwickelt haben könnte. »Ja, sapperlot!« denkt sich der arme Tom. »Ist es denn nicht genug Beweis, daß es mich so dünkt? Wenn es so aussieht, muß es auch so sein. Da kann ich mich doch keineswegs täuschen! Warum seid ihr bloß alle so ignorant, meine mangelhafte Fähigkeit, logisch zu denken, meine unzutreffenden Verallgemeinerungen, meine veralteten, unwissenschaftlichen Einwände, meine historische wie juristische Unkenntnis und meinen Eigendünkel nicht als Beweise dafür anzuerkennen, daß ich recht habe?«
Die Zwischenphasen, die mit allerlei Schreibfehlern, Beschimpfungen und andren Ausfällen gefüllt sind, seien zur Eigenlektüre im englischen Original der geistigen Erbauung und des allgemeinen Amusements wegen wärmstens empfohlen!

Anmerkungen
1. Siehe http://qkme.me/35miar.
2. Siehe http://jessicaahlquist.com/christian-love/.
3. ‘… countless irrefutable pieces of my evidence that support creation and disprove evolution.’
4. ‘… but you dont listen to my evidence or my arguments because you cant digest anything other than the atheist propaganda thats been shoved down your throat.’
5. Siehe http://www.archives.gov/exhibits/charters/bill_of_rights_transcript.html.
6. ‘im sure a little 14/15 year old girl isnt the one with the flawed logic and that the other 85% of the planet is wrong.’
7. ‘Christianity and creation have been considered true by millions of people for the last 5000 years. We dont have to prove that god exists (because most of the world agrees), atheist should have to prove god doesn’t exist.’
8. ‘The universe is organized alana the earth is perfect distance from the sun all of the components of life and the conditions for life to exist are perfectly ordered. This cant happen naturally’

2 thoughts on “Das perfekte Meme und Amüsantes aus dem Land der Religioten

  1. Sobald ich den Text innerhalb von 2 Sekunden lesen kann, bekommst du ein Kommentar von mir… (wahlweise😉 oder🙂 oder !)

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