Gewinn und Verlust

Man sagt, »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt« und »Je höher man fliegt, desto tiefer fällt man«. Doch wenn wir einmal ehrlich zu uns selbst sind, werden wir gewahr, daß jeder Verlust mehr wiegt als der Gewinn des zuvor Begehrten. Dies trifft insonderheit auf zwischenmenschliche Beziehungen, und darunter wiederum namentlich partnerschaftliche Liebesbeziehungen, zu. Wir verlieren mit einem Partner oder einer Partnerin nicht einfach nur das, was wir ursprünglich gewonnen haben, sondern auch das, was er oder sie in uns geschaffen hat und was wir gemeinsam geschaffen haben. Über die Jahre rücken der Schmerz sowohl als die Trauer und unsre Zeitlang in den Hintergrund, weil uns andre Freuden und Schmerzen, andre Gewinne und Verluste beschäftigen. Vieles wandert ins Unterbewußtsein ab, wo es lange Zeit unbemerkt und ruhig verweilen mag. Allein diese Erinnerungen, die Wunden, die wir davontragen, vernarben bloß – sie heilen niemals vollständig. Und wenn uns der eine oder andre Augenblick auf uns selbst zurückwirft, ohne Sinneseindruck oder Gedanken, die uns davon abschirmen, dann brechen jene alten Gefühle und Gedanken wieder hervor, durchbrechen das dünne Gewebe, das sich über sie gelegt hat. Ihre Intensität mag schwanken, sie mögen sich zu einer seltsam verlornen Melancholie verflüchtigen, die sich wie ein dunkler Schleier über das Befinden und die eigne Wahrnehmung legt. Allein wie sie sich auch wandeln, welche Gestalt und Intensität sie annehmen oder einbüßen mögen, wir gehen aller Dinge verlustig – außer ihnen.

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