Einige Anmerkungen zum Wissensbegriff

Aus meinem Notizbuch vom 2. September 2011:

Angenommen, A endeckt zum Zeitpunkt t1, daß jedesmal, wenn sie einen Gegenstand G, den sie in der Hand hält, sobald sie G losläßt – mit andren Worten, die Regelmäßigkeit in dem Vorgang entdeckt –, so weiß A, daß p, wobei p = Wenn ich G in der Hand halte und loslasse, dann fällt G zu Boden. Streng logisch ausgedrückt: p = a . bc. Die Gesamtaussage p heiße RG.
Entdeckt A später, zum Zeitpunkt t2, daß die von ihr zum Zeitpunkt t1 entdeckte Regel RG im luftleeren Raum nicht zutrifft, folgt daraus keineswegs, daß A zum früheren Zeitpunkt t1 nicht gewußt hätte, daß p. A wußte zum Zeitpunkt t1 lediglich nicht, daß die von ihr entdeckte Regel nicht uneingeschränkt gilt. A hat somit ihr Wissen erweitert.
Wissen ist wesentlich kontextuell, weshalb es müßig ist, nach Letzt-begründungen zu suchen. Außerhalb eines situativen beziehungsweise phänomenalen Zusammenhanges kann man nichts wissen. Hieraus folgt indes keineswegs, es könnte überhaupt kein Wissen geben.
Wissen läßt sich erweitern, indem man neue Ebenen entdeckt wie im Falle A’s, die zum Zeitpunkt t2 entdeckt, daß die von ihr zum Zeitpunkt t1 entdeckte Regel RG nicht uneingeschränkt gilt. Dies letztre entdeckt A auf einer Metaebene, d. i. einer übergeordneten Ebene.
Wie viele solcher Ebenen des Wissens es gebe, bleibt, jedenfalls vorerst, unbestimmt. Sind es nicht infinit viele, so doch wohl indefinit viele. Manche Ebenen werden erst unter gewissen Voraussetzungen zugänglich und damit das auf ihnen liegende Wissen erschließbar. Darum wissen wir nicht, welche Ebenen unter, über und womöglich zwischen den von uns bisher erschlossenen es noch geben mag.

4 thoughts on “Einige Anmerkungen zum Wissensbegriff

  1. Davon abgesehen, daß natürlich auch im evakuierten Raum ein Gegenstand zu Boden fällt, wenn man ihn losläßt (vorausgesetzt, er fiele unter sonst gleichen Bedingungen bei Normalatmosphäre), hat A einfach bei der Definition von RG geschlampt.

    Ein derart gefundenes Axiom gilt natürlich zuerst nur unter den Bedingungen, die im Testfall vorherrschten. Beinahe jedes Naturgesetz und sogar jede formale Logik läßt sich wunderbar aushebeln, solange man die Randbedingungen großzügig ignoriert.

    Die sicherlich allgemein auf Zustimmung treffende Aussage „Wasser kocht bei null Grad nicht“ kann ich sofort durch ein kleines Experiment widerlegen, wenn ich minimal von den Normbedingungen abweiche.

    Alles weitere Betrachten führt unweigerlich wiedermals zur Protkollsatzdebatte, deren Ausgang ich zwar theoretisch durchaus teile, jedoch für das real existente wissenschaftliche Leben als irrelevant betrachte.

    • Pardon, ich habe bei der Formulierung nicht aufgepaßt. Ich meinte nicht einfach einen evakuierten, sondern, wie etwa außerhalb der Erdatmosphäre, mehr oder minder gravitationslosen Raum.

      Davon abgesehen geht es nicht um bedingungsloses Wissen. Selbstredend gibt es immer Randbedingungen. Dies widerstreitet jedoch nicht der Grundaussage meines Textes, daß es grundsätzlich möglich sei, etwas zu wissen. Um mehr ging es mir dabei gar nicht.

  2. Allwissenheit ist nicht kontextuell und zwangsläufig zeitlich und räumlich unabhängig. Die Behauptung, dass Wissen kontextuell sei, ändert nicht an der Richtigkeit von Einstein’s Satz: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” Er zielt auf die Letztbegründbarkeit von Wissen ab.

    • (1) Von Allwissenheit war nie die Rede. Falls so etwas möglich sein sollte, wäre es ein gesonderter Fall des Wissens. Im übrigen wage ich zu bestreiten, daß Allwissenheit nicht an zeitliche und räumliche Strukturen gebunden wäre. Ein Wissen, das nicht in derartigen Strukturen verordnet wäre, wäre isoliert und damit keine Allwissenheit mehr. Andernfalls müßtest Du zunächst erklären, auf welche Weise Wissen außerhalb benannter Strukturen existieren könnte, und sodann, worin die Verbindung zum raumzeitlich strukturierten Wissen beziehungsweise zur raumzeitlichen Welt bestünde.

      (2) Der Satz, den Du zitiert hast, stammt nicht von Albert Einstein, sondern (durch Platon überliefert) von Sokrates.
      Das von mir hier vorgeschlagne Wissensmodell vermeidet gerade den Ansatz, eine Letztbegründung als notwendige Prämisse von Wissen zu verlangen.

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