Deutschland hat einen neuen Erlöser … äh … Bundespräsidenten

Deutschland hat also einen neuen Bundespräsidenten, und die Welt ist gerettet – oder auch nicht. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man sich die heutige Zeremonie im Reichstag angesehen und die zugehörigen Kommentare angehört hat. Die Hoffnungen, die so manche Menschen mit dem neuen Bundespräsidenten zu verbinden scheinen, lassen sich nachgerade als Sehnsucht nach einem Erretter und Erlöser auffassen. Zwei Bundespräsidenten sind bereits wegen mangelnder Integrität zurückgetreten – nach wessen und welchen Maßstäben, sei einmal dahingestellt. Aber wer ist eigentlich dieser Mann – selbstredend ist es ein Mann, nicht eine Frau –, der da den höchsten Posten im Lande eingenommen hat?
Joachim Gauck lautet sein Name, geboren am 24. Januar 1940 in Rostock, unter andrem Publizist, ehemaliger evangelisch-lutherischer Pastor und Kirchenfunktionär sowie Volkskammerabgeordneter und Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Die Gretchenfrage lautet freilich: Sag, Joachim, wie hältst du’s mit der Integrität? Nun, mit der Integrität dünkt es auch bei Joachim nicht allzu weit her zu sein. Als einer der Erstunterzeichner der Prager Erklärung bekannte sich Gauck zugleich zur unter Historikern schon seit langem als unzutreffend bewerteten Totalitarismusdoktrin, welche den deutschen Faschismus und den sowjetischen Kommunismus in einen Topf wirft. Da nimmt es wenig wunder, daß derselbe Mann Thilo Sarazzins Äußerungen zur Integration in Deutschland als »mutig« bezeichnet und das moderne Deutschland als »frei«.
Zweifelsohne geht es uns materiell betrachtet wesentlich besser, als es den Menschen in der ehemaligen DDR ging. Ebenso steht es außer Zweifel, daß in der ehemaligen DDR unverzeihliche Verbrechen wider die dort lebenden Menschen begangen wurden. Allein daß die modernen Verhältnisse, relativ zu den historischen Verhältnissen betrachtet, besser sind, macht die Bundesrepublik Deutschland (BRD) noch lange nicht zu einem Musterstaat. So geht es jemandem, der 600 € im Monat verdient, relativ zu jemandem, der 400 € im Monat verdient, besser. Absolut betrachtet können sich indes beide im modernen Deutschland nicht selbst und erst recht keine Familie ernähren. Bestohlen zu werden ist weniger schlimm, als ermordet zu werden. Absolut betrachtet macht dies den Diebstahl jedoch nicht besser.
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Die Verunsicherung der Menschen nutzen wiederum jene, die einem Rechtspopulismus das Wort reden. Der Rechtspopulismus steht innerhalb der politischen Landschaft zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsradikalismus. Zweifellos handelt es sich dabei um eine äußerst gefährliche Strategie beim politischen Stimmenfang. Rassistische Ressentiments und der Wunsch, gar der Ruf nach einem »Führer« haben in Deutschland eine lange Tradition.
Um jeglichem Missverständnisse vorzubeugen, ich werfe Herrn Gauck persönlich weder rassistische noch extremistische Tendenzen vor. Allerdings muß sich jemand, der sich einerseits als Unterzeichner der Prager Erklärung gegen jedwede extremistische Tendenz ausspricht und andrerseits einen Rechtspopulisten lobt sowie das moderne Deutschland mit seinen prekären Umständen den Menschen als »liebenswert« nahebringen möchte, gewisse Zweifel an seiner Integrität gefallen lassen.
Davon abgesehen wird uns ein Mensch, der mit dem Bundespräsidialamt über keine relevante politische Macht verfügt, wohl kaum die Errettung bringen können. Um eine schöne Ablenkung von den eigentlichen Problemen dieses Landes und dieser Welt handelt es sich indes allemal. Es bleibt die Frage, wie lange es dauern wird, bis deren Wirkung verpufft.

2 thoughts on “Deutschland hat einen neuen Erlöser … äh … Bundespräsidenten

  1. Hallo ichbindaswortistich,

    Du schreibst so direkt „selbstredend ist es ein Mann, nicht eine Frau“ – hattest Du den Eindruck, daß das bei der Wahl eine Rolle gespielt hat? Wenn ja, würde mich interessieren, warum: Vemutest Du, daß eine Frau nicht als moralischer Kompaß (ja quasi die Stellenbeschreibung des BP) gesehen wird? (Zusatzfrage: warum ist dann Frau Merkel Regierungschefin – ist dort Moral egal?)

    Viele Grüße

    energist

    • Einerseits war es sarkastisch gemeint, andrerseits beruht es doch auf einem wahren Kern. Insgesamt halte ich, wie inzwischen deutlich geworden sein dürfte, das Bundespräsidialamt für überflüssig, und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen verfügt der Bundespräsident über keinerlei relevante politische Macht, zum andren ist es eine armselige konservative Idee, die freilich auf seiten religiöser Menschen, insonderheit fundamentalistisch gesinnter, Unterstützung findet, man benötige jemanden, der einem sage, was richtig und was falsch sei. Es heißt aus solchen Kreisen ja gerne, ohne Gott könne es keine Moral geben. Und die Deutschen benötigen dann noch zusätzlich jemanden, neben Gott und Papst, der ihnen die göttlichen Weisungen richtig auslegt, oder wie?
      Ich bestreite keineswegs, daß es Frauen in unsrer patriarchalen Gesellschaft gelingen könne, in politische Ämter aufzusteigen. Allerdings vertreten Frauen wie Ursula von der Leyen, Kristina Schröder und Angela Merkel keine typisch weiblichen Interessen, auch wenn die erstren beiden dies bisweilen vortäuschen mögen. Letztlich halte ich es freilich für irrelevant, ob Mann oder Frau oder Hermaphrodit das Bundespräsidialamt übernimmt, weil es allerhöchstens der Ablenkung von den relevanten Problemen dieses Landes und dieser Welt dient.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s