Was ist Kapitalismus? / What Is Capitalism?

Vor einiger Zeit fragte mich Muriel Silberstreif im Kommentarbereich eines seiner Artikel, was ich unter Kapitalismus verstünde. Die Antwort auf diese Frage schien mir indes zu viel Raum für einen Kommentar zu beanspruchen, weshalb ich beschloß, dazu diesen eigenständigen Artikel zu verfassen.
Wofern ich Muriel richtig verstanden habe, versteht er unter dem Begriff Kapitalismus lediglich den Privatbesitz an den Produktionsmitteln. Diese Definition dünkt mich jedoch aus mehreren Gründen stark unzureichend.
Zunächst sei geklärt, was ich unter Produktionsmitteln verstehe: hierzu zählen natürliche Rohstoffe wie Kohle, Gas oder Öl, aber auch Land beziehungsweise Boden sowie Werkzeuge und Maschinen zu ihrer Förderung (Bagger, Bohrmaschinen, Ölturm), Bestellung (Pflug, Traktor, Saatgut) oder Verarbeitung (Presse, Schneidemaschine, Webmaschine).
Sodann hat der Privatbesitz an den Produktionsmitteln unausweichliche Folgen, zum einen für die Produktionsverhältnisse, zum anderen für die Konsumtionsverhältnisse. Der Privatbesitz an den Produktionsmitteln schafft ipso facto Lohnarbeit, weil diejenigen, welche keine Produktionsmittel besitzen, gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (nämlich gegen Lohn durch die Produktionsmittelbesitzer). Da es unter denjenigen ohne Produktionsmittelbesitz Konkurrenz gibt (es gibt mehr Arbeitskraft als benötigt), ist es den Produktionsmittelbesitzern möglich, die Arbeitsbedingungen sowohl als die Lohnbedingungen zu diktieren. Einschränkungen sind einzig durch Gesetze oder, wofern sie gestattet werden, Zusammenschlüsse in Form von Gewerkschaften möglich.
Privater Produktionsmittelbesitz und die aus ihm folgende Lohnarbeit bestimmen wiederum die Konsumtionsverhältnisse. Insofern, als diejenigen ohne Produktionsmittelbesitz existentiell von der Lohnarbeit abhängig sind, nämlich um ihre Lebensgrundlagen (Wohnung, Nahrung, Kleidung) zu sichern, können die Produktionsmittelbesitzer mehr oder minder weitgehend die Lebensbedingungen derjenigen ohne Produktionsmittelbesitz verbessern oder verschlechtern. Weil es aber im Kapitalismus nicht einfach nur um den grundlegenden Besitz an Produktionsmitteln, sondern ingleichen um die Anhäufung von Kapital geht (was zunächst noch dazu dienen mag, den Wohlstand zu sichern), werden die Produktionsmittelbesitzer früher oder später die Lebensbedingungen derjenigen ohne Produktionsmittelbesitz eher verschlechtern denn verbessern.
Ich habe mit meinen bisherigen Ausführungen bereits das Problem berührt, daß man nicht von Kapitalismus schlechthin sprechen kann. Es gilt, zwischen erstens, Grundlagen beziehungsweise Vorraussetzungen und Praxis, zweitens, idealem und realem Markt sowie drittens, den historischen Entwicklungen und Veränderungen des Kapitalismus zu unterscheiden. Ich werde diesen Aspekt in einem zweiten Teil ausführen.

A while ago, Muriel Silberstreif asked me in the comment section of one of his articles what I understand by capitalism. The answer seemed to take too much space for a comment to me, however, for which reason I decided to write a separate article about it.
If I understood Muriel correctly, he understands by the term capitalism only the private ownership of means of production. This definition appears extremely insufficient to me for several reasons, though.
Let me explain first what I understand by means of production: these include natural resources such as cole, gas, or oil, but also land or soil, as well as tools and machines for their production or mining (excavator, drills, oil tower), cultivation (plough, tractor, seed), or processing (press, cutting machine, weaving machine).
Furthermore, private ownership of means of production has inevitable consequences, on the one hand for the conditions of production, on the other hand for the conditions of consumption.
Private ownership of means of production create paid labour ipso facto because those who do not own means of productions are forced to sell their manpower (namely, for payment by the owners of means of production). Since there is competition among those without ownership of means of production (there is more manpower than required), it is possible for the owners of means of production to dictate both the working conditions and the conditions of pay. Restrictions are only possible by law or, in case they are allowed, alliances in form of trade unions. Private ownership of means of productions and the paid labour following from it determine, in their turn, the conditions of consumption. Inasmuch as those without ownership of means of production existentially depend upon paid labour, namely, in order to secure their livelihood (housing, food, clothing), the owners of means of production can, to a more or less large extent, improve or worsen the living conditions of those without ownership of means of production. Yet since capitalism is not only about the basic ownership of means of production but also the accumulation of capital (which, in the beginning, may serve to secure prosperity), the owners of means of productions will sooner or later rather worsen than improve the living conditions of those without ownership of means of production.
With my previous explications, I have already touched the problem that one cannot speak of capitalism per se. It is necessary to distinguish between, first, foundations or conditions and practice, second, ideal and real market, and third, the historical development and changes of capitalism. I shall explicate this aspect in a second part.

7 thoughts on “Was ist Kapitalismus? / What Is Capitalism?

  1. Ja, gut. Ich stimme dir zwar wenig überraschend in deinen Folgerungen nicht zu (“es gibt mehr Arbeitskraft als benötigt” halte ich zum Beispiel in diesem Kontext für geradezu sinnwidrig), aber das wollen wir hier vielleicht nicht vertiefen, um die Diskussion nicht unnötig zu verkomplizieren, und stattdessen lieber bei der Ursprungsfrage bleiben: Du scheinst mir doch eigentlich zuzustimmen, dass Kapitalismus Privateigentum an Produktionsmitteln ist. (Ich persönlich finde die Unterscheidung zwischen Produktionsmitteln und Nicht-Produktionsmitteln schon mehr als zweifelhaft, aber vielleicht lassen wir auch das erstmal so stehen.) Alles andere sind doch dann nur (aus deiner Sicht wohl ziemlich zwingende) Konsequenzen daraus, also nicht unmittelbar Systembestandteil, sondern Folgen des Systems. Oder wie?

    • Inwiefern hälst Du die These, es gebe mehr Arbeitskraft als benötigt, für sinnwidrig? Sie trifft selbstredend für verschiedene historische Phasen sowohl als für bestimmte Akkumulationsphasen bald mehr, bald minder zu. Daß es mehr Arbeitskraft gebe als benötigt, ist freilich keine logische Implikation des Privatbesitzes an Produktionsmitteln. Es ist eine Folge des kapitalistischen Systems, welches nicht nur den Privatbesitz an Produktionsmitteln zur Voraussetzung hat, sondern auch die Folge der Lohnarbeit sowie das, was der Name besagt, nämlich die Anhäufung von Kapital, impliziert.
      Womöglich habe ich nicht ausreichend verdeutlicht, welche Aspekte ich als logische, das ist zwingende, und welche ich als kontingente, das ist lediglich in unserer aktualen Welt zutreffende ansehe.
      Jedenfalls geht meines Erachtens aus dem Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht zwingend ein kapitalistisches Wirtschaftssystem hervor. Die Produktionsmittelbesitzer könnten ebensogut selbst an der tatsächlichen Produktion mitwirken wie diejenigen ohne Produktionsmittelbesitz und das Erwirtschaftete unter allen gleich aufteilen. Ferner impliziert der Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht das Streben nach Gewinn oder Überproduktion. Dies verhält sich lediglich in unsrer aktualen Welt so, weil zum Privatbesitz an Produktionsmitteln weitere Prinzipien hinzutreten, von denen das wichtigste zunächst die Anhäufung von Kapital ist.

    • Inwiefern hälst Du die These, es gebe mehr Arbeitskraft als benötigt, für sinnwidrig?

      Weil die benötigte Arbeitskraft nicht begrenzt ist. Man kann (für alle praktischen Zwecke, natürlich nicht wirklich prinzipiell) immer noch mehr Arbeitskraft einsetzen, und dann auch mehr erreichen.

      Die Produktionsmittelbesitzer könnten ebensogut selbst an der tatsächlichen Produktion mitwirken wie diejenigen ohne Produktionsmittelbesitz und das Erwirtschaftete unter allen gleich aufteilen.

      Dann wird Kapitalismus für dich also gar nicht durch die Rahmenbedingungen des Systems vorgegeben, sondern ist nur vom tatsächlichen Verhalten der Menschen bestimmt?

      Ferner impliziert der Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht das Streben nach Gewinn oder Überproduktion.

      Und ihren Zielvorstellungen? oder wie?
      Ich glaube, es wäre wirklich hilfreich (für mich zumindest), wenn du einfach noch einmal nackt aufzählen würdest, was für dich ein kapitalistisches System ausmacht, ohne weiter über die Konsequenzen und deine Kritik daran zu sprechen, weil es mir wirklich noch nicht gelungen ist, das klar auseinanderzuhalten.

    • Ich gebe Dir recht, daß die theoretisch benötigte Arbeitskraft nicht begrenzt ist, wofern man infinites oder zumindest indefinites wirtschaftliches Wachstum voraussetzt. In der Praxis sieht dies freilich anders aus. Da es nicht nur um wirtschaftliches Wachstum, sondern zugleich um Gewinn geht, streben die Produktionsmittelbesitzer danach, die benötigte Arbeitskraft einzuschränken. Wer weniger Arbeiter oder Angestellte beschäftigt, ohne die Produktions- oder Absatzmenge zu verringern, macht mehr Gewinn. Zudem lassen sich Löhne und Gehälter niedriger halten, wenn es mehr Arbeitskraft gibt als benötigt, als wenn Vollbeschäftigung oder gar Arbeitskraftmangel herrscht. Die Konkurrenz unter den Arbeitern und Angestellten wird erst durch das Gewinnstreben erzeugt.

      Ohne die Rahmenbedingungen wäre Kapitalismus unmöglich, aber ohne das konkrete Verhalten der Menschen in der Praxis wäre ein andres Wirtschaftssystem möglich. Materieller Privatbesitz ist strenggenommen nur eine theoretische Größe, keine absolute.

      Rahmenbedingung für ein kapitalistisches Wirtschaftssystem (welches zugleich immer eine Gesellschaftsform ist) stellt der Privatbesitz an Produktionsmitteln dar. Hinzu kommt jedoch noch das Streben nach Anhäufung (Akkumulation) von Kapital, das ist Gewinn. Wie gesagt, unterscheiden sich jedoch theoretische und praktische Implikationen deutlich voneinander.

    • Ich denke nicht, dass uns die Diskussion über diese Feinheiten wesentlich weiter bringt. Wir schätzen das ganze System und seine Folgen sehr unterschiedlich ein, und ich könnte jetzt noch über Seiten erklären, warum ich deine Erläuterung wiederum für realitätsfern halte, aber ich bezweifle, dass einer von uns etwas zu sagen hätte, das der andere noch nicht gehört und zurückgewiesen hat.
      Sparen wir uns also die Mühe und freuen uns stattdessen drüber, dass wir uns immerhin über die Grundfrage einigermaßen verständigen konnten, was Kapitalismus eigentlich sein soll. Auch da könnte ich jetzt noch erwidern, dass Anhäufung von Kapital und Gewinn ganz verschiedene Sachen sind, und dass ich auch ein System als kapitalistisch (wenn auch reichlich merkwürdig) betrachten würde, in dem Menschen nicht nach ihrem eigenen Vorteil streben, solange Produktionsmittel in Privateigentum stehen, aber wie gesagt, mir reicht die grundlegende Verständigung aus.

    • Es lag mir fern zu behaupten, Akkumulation (Anhäufung) von Kapital und Gewinn seien identisch. Meine Ausführungen mögen dies indes implizit nahegelegt haben.
      Mich interessiert gleichwohl, inwiefern Du meine Erläuterungen für realitätsfern hälst. Ich habe jedenfalls zwischen theoretischen und praktischen Überlegungen sowie logischen und empirischen Notwendigkeiten beziehungsweise Kontingenzen unterschieden. So werden beispielsweise in der Praxis die Produktionsmittelbesitzer niemals ihren Privatbesitz lediglich als Formalität betrachten und das gemeinsam Erwirtschaftete unter allen, die daran mitgewirkt haben, gleich aufteilen. Dies ist jedoch nicht logisch notwendig, sondern empirisch kontingent.

    • Ein Beispiel:

      Wer weniger Arbeiter oder Angestellte beschäftigt, ohne die Produktions- oder Absatzmenge zu verringern, macht mehr Gewinn.

      Ein Unternehmer, dessen Ziel darin besteht, Produktions- oder Absatzmenge nicht zu verringern, mag irgendwo existieren, aber ich kenne keinen.
      Deine Ausführungen sind in meinen Augen zu statisch. Sie gehen von einem Kontingent von Arbeit, einem Kontingent von Absatz, einem Kontingent von Produktion aus, das quasi festgelegt ist und sich nur unterschiedlich aufteilen kann, während in Wahrheit nicht nur die Menge als solche steigen kann, sondern auch ständig neue Möglichkeiten entstehen, Dienstleistungen und Produkte anzubieten, an die vorher noch niemand gedacht hat.
      (Und nebenbei: Wären die Staatsbetriebe in einem sozialistischen System nicht auch bestrebt, möglichst effizient zu arbeiten und nicht mehr Ressourcen einzusetzen, als nötig ist? Ich hätte das jetzt gedacht.)
      So wie du es schilderst, müsste die Beschäftigung in kapitalistischen Systemen (oder sagen wir, in dem, was wir hier der Einfachheit halber als solche bezeichnen, denn eigentlich gab es noch nie ein reines) ständig sinken. Tut sie aber nicht.
      Das Problem der Arbeitslosigkeit ist (zumindest heute) kein Problem mangelnder Arbeit, sondern ein Problem mangelnder (oder unpassender) Qualifikation. Ich denke, wir sind uns beide einig, dass es in dieser Gesellschaft mehr als genug für alle zu tun gibt, und dass das auch noch eine ganze Weile so bleiben wird.

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