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Ich bin das Wort – das Wort ist ich. Ich lebe, um zu schreiben, und ich schreibe, um zu leben. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es klingt gut. Fürwahr klingt es fast ein wenig zu gut, um wahr zu sein. Es unterstellt eine gewisse Erhabenheit meinerseits, die ich ablehne. Ich will mich nicht über andre erheben, sondern nur von andren abheben. Einzelwesen und Gemeinschaft stellen nur einen Scheinwiderspruch dar. Seit Immanuel Kants kategorialer Umdeutung des Wortes in seiner Kritik der reinen Vernunft spricht man in solchen Fällen von »Dialektik«1. Kant selbst spricht von »eine[r] unvermeidliche[n] Dialektik der reinen Vernunft«2, von »einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion«3, »die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt«4. Man versteht unter Dialektik nicht länger wie in der Antike die Kunst, Argumente im Gespräch zu überprüfen, die im Gegensatz zur sophistischen Eristik, der Kunst, jemanden zu beliebigen Meinungen zu überreden, steht.5 Statt dessen wird Dialektik nunmehr zu einer »Logik des Scheins«, d. i. der Widersprüche, die dazu dient, das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozeß zu bestimmen.6 Bei Hegel wird Dialektik schließlich zum Grundsatz aller Prozesse in der Welt überhaupt.7 Indem ich folglich als einzelner meine Einzigartigkeit hervorhebe, sondre ich mich nicht zwingend von Gemeinschaft8 und Gesellschaft8 ab. Die Existenz als Einzelwesen macht Gemeinschaft und Gesellschaft allererst möglich. Wo keine Einzelwesen, da gibt es weder Gemeinschaft noch Gesellschaft. In dieser Erkenntnis hebt sich der Widerspruch zwischen Einzelwesen und Gemeinschaft oder Gesellschaft auf. Es ist dies, mit Hegel zu reden, die Negation der Negation. In der ersten Negation scheint dem Einzelwesen, daß es einen Widerspruch zu Gemeinschaft und Gesellschaft bilde. Es verneint diese folglich. In der zweiten Negation erkennt das Einzelwesen dann, daß es tatsächlich Teil von Gemeinschaft und Gesellschaft ist; daß, mehr noch, Gemeinschaft und Gesellschaft ohne es nichts sind. Es erkennt diese als etwas, was aus ihm allererst hervorgeht. Wir sehen, daß die Negation der Negation nicht in den ursprünglichen Zustand zurückführt. Vielmehr bringt sie, als Prozeß, einen höhern Zustand hervor. Die dialektische Bewegung ist abgeschlossen. »Höher« meint hier im übrigen nicht in einem wertenden (evaluativen) Sinne »besser«, sondern dient lediglich dazu, das Ergebnis des Entwicklungsprozesses zu beschreiben (deskriptiv).
Ich bin das Wort – das Wort ist ich. Ein wenig ist es aber doch wahr. Zwar bestimmt nicht das Wort vermittels meiner, was ich bin, allein vermittels des Wortes bestimme ich zu einem beträchtlichen Teile, was ich bin. Das Wort ist nicht bloß zufälliges Geräusch, sondern Werkzeug. Ich kann mit seiner Hilfe bauen – Sätze, Texte, Nachrichten, soziale Beziehungen, Welten – und zerstören. Das Wort läßt die eigne Vorstellungskraft allmächtig werden. Dies birgt zugleich die Gefahr, sich in der eignen Vorstellungswelt zu verlieren oder an der wirklichen Welt, in der man keineswegs allmächtig ist, krank zu werden. Wer in seiner Vorstellung zu große Utopien errichtet, dem muß alles außer ihr verächtlich und verderbt erscheinen. Wirkliche, dauerhafte Verändrung findet im kleinen statt, wiewohl auch größre Umbrüche bisweilen not tun. Beide bedingen einander wechselseitig. Was schwer fällt, ist, das richtige Maß zu finden.

Die Inhalte meiner Artikel bewegen sich jenseits des kulturellen Mainstreams. Sie mögen darum provozieren, insbesondre aufgrund ihrer konsequenten Kompromißlosigkeit. Allein ich schreibe nicht, um zu gefallen. Ich schreibe, um Erkenntnisse zu gewinnen und um zu kommunizieren. Wolfgang Sowsky bemerkte in diesem Sinne trefflich: »Nicht Konsens, sondern Streit, nicht tolerante Beliebigkeit, sondern Wahrheit ist das erste Prinzip der freien Debatte. Nur in Kenntnis der Tatsachen können Menschen nämlich ermessen, was der Fall ist und was nur Fiktion ist, was sie tun können und was nicht.«9 An andrer Stelle schreibt er:

Trägheit, Feigheit und Gleichgültigkeit sind noch immer die wichtigsten Ursachen der Unmündigkeit. Nicht gesellschaftliche Verhältnisse, nicht das marode Erziehungswesen, nicht die säkulare Entwertung aller Werte sind dafür verantwortlich, daß Menschen im Dämmerschlaf des Konformismus verharren. Unmündigkeit ist selbstverschuldet. Viele Menschen bevorzugen die bequeme Unselbständigkeit. Sie sind zu faul, sich ihres Verstandes zu bedienen, und überlassen das Urteil lieber anderen. Nicht die Arbeit des Begriffs erschöpft sie, sondern die Gewohnheit des Nichtstuns. Sie lassen andere für sich sprechen, denken und handeln und ziehen sich in den Käfig der Passivität zurück. Die Feiglinge wiederum geben sogleich Fersengeld, wenn irgendwo ein Streit entbrennt. Wittern sie Widerspruch, beklagen sie fehlende Toleranz. Stets bevorzugt der Duckmäuser Gleichgesinnte und Gleichgestellte. Lieber wirft er sich zu Boden, als einer Attacke standzuhalten.10

Erst durch Widerstand gibt es Vorankommen. Ohne Widerstand läßt es sich ebensogut vorankommen als im luftleeren Raum ohne Boden. In diesem Sinne schließe ich mit Kant: »Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«11

Anmerkungen
1. Siehe dazu: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft; Hamburg: Meiner, 1998; A 298/B 354.
2. Ebendaselbst.
3. Ebendaselbst.
4. Ebendaselbst.
5. Vgl. Schwemmer, Oswald: „Dialektik“. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie; Sonderausgabe, Bd. 1; Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler, 2004; S. 463 und ebenderselbe: „Eristik“. In: ebendaselbst; Bd. 1, S. 574.
6. Vgl. ebenderselbe: „Dialektik“. In: ebendaselbst; Bd. 1, S. 465.
7. Siehe dazu: Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Phänomenologie des Geistes; Sonderausgabe der Philosophischen Bibliothek; Hamburg: Meiner, 2006.
8. Gemeinschaft und Gesellschaft sind nicht zwingend identisch. Max Weber konzipiert sie in Wirtschaft und Gesellschaft mit den Begriffen »Vergesellschaftung« und »Vergemeinschaftung« wie folgt:

›Vergesellschaftung‹ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung beruht. Vergesellschaftung kann typisch insbesondre (aber nicht: nur) auf rationaler Vereinbarung durch gegenseitige Zusage beruhen. […] Die reinsten Typen der Vergesellschaftung sind a) der streng zweckrationale frei paktierte Tausch auf dem Markt: […]
2. Vergemeinschaftung kann auf jeder Art von affektueller oder emotionaler oder aber traditionaler Grundlage ruhen: eine pneumatische Brüdergemeinschaft, eine erotische Beziehung, ein Pietätsverhältnis, eine ›nationale‹ Gemeinschaft, eine kameradschaftlich zusammenhaltende Truppe. (Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft; Paderborn: Voltmedia, ohne Jahresangabe; S. 50. Hervorhebungen im Original.)

Er fügt jedoch sogleich hinzu: »Die große Mehrzahl sozialer Beziehung aber hat teils den Charakter der Vergemeinschaftung, teils den der Vergesellschaftung.« (Ebendaselbst.)
9. Sofsky, Wolfgang: Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift; München: C. H. Beck, 2009; S. 155.
10. Ebendaselbst; S. 146.
11. Kant, Immanuel: »Was ist Aufklärung?«. In: ebenderselbe: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften; Hamburg: Meiner, 1999; S. 20. (Hervorhebung im Original.)

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